#1 Joachim las: Wenig Action, viel Tiefgang

von Joachim Pimmelberger

Schnee, der auf Zedern fällt – David Guterson
Eignung: Für den ruhigen Abend auf dem Sofa

Einst ein Bestseller und preisgekrönt wurde Joachim auf den Roman erst aufmerksam, als David Guterson bereits sein Folgewerk herausbrachte. Der Titel reichte trotzdem aus, um ihn zum Kauf eines antiquarisch anmutenden Buches zu veranlassen. „Schnee, der auf Zedern fällt“, klingt poetisch, vielversprechend, ließ ein schönes Bild vor seinen Augen erscheinen und das Buch wird seinem Titel gerecht. Stille Wasser sind tief – Schnee, der auf Zedern fällt, in dem Zusammenhang gleichbedeutend. Soll meinen, dass in der Geschichte zwar nicht viel passiert, diese mangelnde Aktion wird jedoch mit erstaunlich viel Tiefe gefüllt. Am Ende des Buches kennt der Leser nicht nur die Hauptgeschehnisse, sondern auch die Lebensgeschichten aller Personen, die mehr oder weniger in die Hauptgeschehnisse involviert sind.
Das Buch spielt in einem Dorf auf einer Insel im Atlantik. Die Menschen dort leben vom Anbau von Himbeeren und dem Fischfang. Jeder kennt jeden. Dem altbekannten Alltag auf der Insel kommt zweierlei in die Quere: Ein Schneesturm und das Auffinden eines toten Fischers. Ein anderer Fischer wird des Mordes verdächtigt. Die zugehörige Gerichtsverhandlung – wie auch der eigentliche Fall – bildet den Rahmen des Dorfportraits.
Im Verlauf folgt das Buch einem relativ festem (und simplen) Schema: Die Zeugen werden befragt und deren Aussagen gehen in eine sehr detaillierte Darstellung der Ereignisse aus der Sicht des Befragten über. Der Autor beschränkt sich dabei jedoch nicht auf die für den Mord relevanten Tage und Informationen, sondern erzählt ‚nebenbei’ Geschichten von Liebe, Lachs, Loyalität, Krieg, Kultur, Nationalität, Himbeeren, Streit und Freundschaft. Das ‚Nebenbei’ steht in Anführungszeichen, weil das Ausbreiten von Nebensächlichkeiten dieses Buches Hauptsache darstellt. Das macht nichts, sofern der Leser dieses Buches detaillierte, authentische, akribisch ausgearbeitete Geschichten mag, bei denen der Schwerpunkt auf Gefühlen und Gedanken liegt und nicht auf bummbängrennschnellundrettediewelt. Trotz aller Liebe zum Detail, trotz aller aufkommenden Lebendigkeit und Sym- oder Antipathie zu den Hauptfiguren hat das Dahingeplätscher der Geschichte durchaus Längen, da nie wirklich Spannung aufkommt. „Machen Sie sich keine Sorgen, dieses Buch wird Sie nicht in die Schlaflosigkeit treiben“, wäre eine passende Blurb auf dem Buchumschlag. „Beständig, strukturiert und unaufgeregt wie das Dorfleben erzählt dieses Buch aus ebendiesem“, wäre ebenso passend. Dieses Buch schlägt den Leser nicht unbedingt in den Bann, er muss selbst in die Geschichte eintauchen, sich auf den stillen, bedächtigen und gründlichen Erzählstil einlassen und die Charaktere kennenlernen. Der Autor liefert alles Nötige dazu. Entweder geht der Leser in dieser tiefgründigen und vielschichten Geschichte auf und wird durch die Augen des Erzählers Teil der Dorfgemeinschaft oder er legt das Buch immer wieder nach kurzer Zeit beseite, da nicht viel passiert. Joachims Reaktionen auf das Buch schwankten zwischen beiden Polen, daher kann er es nicht vorbehaltlos empfehlen.

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