Arm auf Sylt

von Joachim Pimmelberger

Reisebericht Nummer zwei – Westerland 

Joachim Pimmelberger verbringt fünf Wochen auf Sylt, um entgeltfrei zu arbeiten. Er erhält lediglich geldwerte Vorteile, also ein Zimmer und was zu essen. Das füllt das leere Konto jedoch nicht und ändert auch nichts an der Tatsache, dass er sich zu den mittellosesten Menschen zählt, die sich zur Zeit auf Sylt befinden. Auf Sylt, der Insel der Reichen und Schönen, die einst durch irgendeinen Sohn reicher Eltern, die Dübel oder Kettenschmiere produzierten und verkauften, zur Attraktion für den deutschen Geldadel wurde. Wo Männer in roten Hosen und rosafarbenen Polohemden frei herumlaufen dürfen und Frauen zum Zeitvertreib mit dem Porsche herumfahren. Wo sich die Bahn schwertut, jeden Tag all die Menschen anzukarren, die für den Geldadel Wände weißeln, Hecken scheren, Essen kochen, Rohre verlegen und bei der Heimfahrt in der Bahn Kurfaxe aus Literdosen trinken. Wo die Ureinwohner (Nordfriesen) von der Insel fliehen, da sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, wo waschbetonene Bettenbunker hochgezogen werden, weil die Leute bereit sind, für das Nächtigen in Legezellen des Tourismus Geld zu bezahlen, um ein Stück des Glanzes des Geldadels abzubekommen. Eigentlich ist Sylt eine schöne Insel, wenn nur nicht Westerland wäre.
Leider darf Joachim nur 39 Stunden die Woche arbeiten. Eine Woche hat jedoch 168 Stunden, die irgendwie verbracht werden müssen. Zufälligerweise ist Sylt eine der wenigen Gegenden Deutschlands, in der es regelmäßig surfbare Wellen gibt. Ist das der Fall, so läuft Joachim barfuß und im Neo an den Cafés der Friedrichstraße vorbei, deren Sitzgelegenheiten gen Straße ausgerichtet sind (sehen und gesehen werden), das Surfbrett unterm Arm und mit dem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein – dem Weg zum Strand –, um den Elementen Luft und Wasser die Kraft seines im Vergleich zu den Elementen winzigen Körpers entgegenzusetzen, um sich für wenige Sekunden die Kraft dieser Elemente zunutze machen zu können. Anschließend läuft er entkräftet aber zufrieden die Friedrichstraße zurück und freut sich über das Gefühl von Sand zwischen den Zehen sowie über die Wärme, die seine kalten Füße nach und nach von innen erfasst und ihn über den Asphalt trägt als wäre sie Schuhe. Und über die Fragen argloser Muttis, die wissen möchten, ob es denn nicht zu kalt im Wasser sei.
Aber was, wenn keine Welle ist? Da sich Joachim keinen Ferrari (nicht mal einen Porsche), keine rote Hose von Camp David, keine Scampi von Gosch und keinen Kaffee in Kampen leisten kann, bleibt ihm nur die Flucht in den Antimaterialismus. Die Not zur Tugend machen und das Auskommen ohne Geld idealisieren. Haferflocken statt Müsli, lesen statt fernsehen, trainieren statt konsumieren, Vorbereitung statt Prokrastination, 5,0er statt Duckstein, Selter statt Sekt, Longboard statt Auto, frische Luft statt Überstunden, ein Zimmer statt vier davon, Nasennebenhöhlen durch Salzwasserdruckschübe ausspülen statt Aspirin zu nehmen, Texte schreiben statt im Internet surfen, die Statuslosigkeit zum Status erheben, Rumdödeln statt Bruttoinlandsprodukt steigern, Sein statt Haben, Lebensfreude haben statt kaufen müssen, mehr Zeit statt mehr Zeugs haben, der Verlustaversion durch zeitweiligen Verlust den Schrecken nehmen. Es ist fast eine Art Fasten. Materielles Fasten. Tut bestimmt genauso gut wie fasten. Bhutan ist das einzige Land in der Welt, das diese Einstellung teilt und entsprechende Maßnahmen ergriffen hat: Es interessiert sich nicht für sein Bruttoinlandsprodukt, sondern vielmehr für sein Bruttoinlandsglück, das regelmäßig gemessen wird. Wegweisende Maßnahme, wenn man bedenkt, dass die Menschen in den 70ern in Deutschland viel weniger hatten aber ebenso zufrieden waren. Lebensplan D von Joachim Pimmelberger steht: Bhutanisch lernen, nach Bhutan auswandern, sich bhutanisieren lassen, Mahayana-Buddhist werden und glücklich sein.

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