#4 Joachim las

von Joachim Pimmelberger

Werke über Ästhetik, Natur und Moral 

schiller und Hesse

Friedrich Schiller – Über die ästhetische Erziehung des Mensche
Hermann Hesse – Narziss und Goldmund
Eignung: Für Mußestunden mit wachem Geist
Wertung: ohne

Zufälligerweise las Joachim Pimmelberger die beiden Werke mehr oder weniger gleichzeitig und es fielen ihm frappierende Ähnlichkeiten auf. Auf den ersten Blick könnten die Bücher unterschiedlicher nicht sein: Schiller entwirft mit seinen Gedanken über die ästhetische Erziehung eine gesellschaftliche Utopie, die es mit Hilfe seiner eigens konstruierten Ästhetik anzustreben gilt. Hesse hingegen erzählt die Geschichte zweier Freunde. Geeint werden die Werke jedoch durch eine gemeinsame Basis: den menschlichen Dualismus von Natur und Moral. Schiller dient dieser Dualismus als Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Ästhetik, denn ebendiese soll die gegensätzlichen Pole miteinander versöhnen. Eine solche Versöhnung führt zum Erreichen des ästhetischen Zustands und trägt laut Schiller dazu bei, den Menschen zu veredeln und eine bessere Gesellschaft zu formen.
Schiller blieb in seinen Briefen eine praktische Erläuterung schuldig, wie der Mensch Natur und Moral kultivieren und miteinander in Einklang bringen kann, die Leben von Narziss und Goldmund können hingegen als lebensnähere Idealtypen für das Ausleben der jeweiligen Seite und als ein literarisches Beispiel für das Erreichen des ästhetischen Zustandes gelten. Hesse beschreibt nämlich ausgehend von diesem Dualismus zwei Lebenswege, der eine ist geprägt von der Natur und der andere von der Moral.
Narziss ist Lehrer in einer Klosterschule, steigt zum Boss des Ladens auf und verkörpert die moralisch-geistige Seite im Menschen. Schiller würde zu einem Menschen wie ihm ‚Barbar‘ sagen, denn für Schiller lebt ein Barbar zu sehr auf Seiten der Moral. Goldmund, anfangs noch beflissener Schüler der Klosterschule, verlässt diesen geistigen Irrweg und begibt sich auf sinnliche Wanderschaft durch die Landen. Er verkörpert dementsprechend die sinnlich-natürliche Seite des Menschen, nach Schiller wäre er ein ‚Wilder‘, der seine Moral vernachlässigt. Nach Goldmunds Wanderschaft trifft er wieder auf Narziss, so vereint Hesse die Natur mit der Moral und lässt beide voneinander profitieren. Bei Schiller findet diese Vereinigung in einem einzigen Menschen statt. Nicht nach vielen Jahren der Extreme, sondern ständig. Nach Schiller stehen Natur und Moral im Menschen in einem ständigen Wechselspiel und nur dann, wenn sich diese Kräfte die Waage halten, kommt es zum ästhetischen Zustand, in dem der Mensch frei von allen inneren Zwängen ist.
In Hesses Erzählung wird Goldmunds Weg ausführlicher beschrieben: Er erlebt Abenteuer, die Lust, Liebe, Kunst, er kostet reich vom süßen Nektar der Sinne, leidet durch Hunger und Kälte und lässt sich treiben. Er bleibt ungebunden bis ihn die Kunst sesshaft werden lässt: In einer Kirche sieht er eine aus Holz geformte Madonnen-Skulptur, die ihn berührt. Er spürt die Möglichkeit, in der Kunst seinen Erfahrungen und seinen heimatlosen Gedanken eine bleibende Form zu geben und wird der Schüler von Meister Niklaus, der die Madonna schuf. Schiller würde sagen, dass sich Goldmunds Formtrieb Bahn brach, der allzu lang vergewaltigt wurde. Der Formtrieb ist die treibende Kraft der Moral und versucht, der flüchtigen Welt der Sinne eine bleibende Form zu geben. Zum Beispiel durch die Kunst. Sie macht es Goldmund möglich, von allen sinnlichen Zwängen – wie dem Sexualtrieb – befreit einer Tätigkeit nachzugehen, den ästhetischen Zustand zu erreichen und dort – um es mit Schillers Worten auszudrücken – schöne Kunst zu erschaffen. Goldmund fühlt, dass die schöne Kunst durch ein Doppelgesicht geprägt ist, durch das Durchscheinen von Natur und Moral in einem Werk;in ihr vereinen sich die Gegensätze der Welt und des Individuums.
Zum Ende seiner Ausbildung fühlt sich Goldmund jedoch als Barbar: Gesättigt, faul, wohlhabend, feist, gezähmt und er folgt seinem Stofftrieb. Der Stofftrieb ist die Kraft, mittels derer die Sinne versuchen, des Menschen Handlungen zu bestimmen. Goldmund lässt das zu, er verlässt die Stadt, um seiner wiedererwachten Lust nach neuen Sinneseindrücken nachzugeben. Hier handelt er wie Schiller es von wahren Künstlern erwartet, er lässt sich nicht eingliedern, schlägt den sozialen Aufstieg aus und bleibt frei. Seine Werke tragen nach Schiller dazu bei, im Menschen Veredelungsprozesse anzustoßen.
Noch erkennt Goldmund im Leben eine Zweiteilung in Natur und Moral, die zwar in der Kunst zu vereinen war, nicht aber im Leben, in dem er das Gleichgewicht noch nicht gefunden hat. Da sein Leben im Mittelalter spielt, können wir ihm das nicht vorwerfen, da er nicht die Gelegenheit hatte, Schiller zu lesen, sondern nur mit Thomas von Aquin, Seneca und Aristoteles gequält wurde. Hier kommt Narziss ins Spiel: Sein Lebenswerk wird erst zum Ende der Erzählung hin deutlich, denn er vermag es, Goldmunds Erfahrungen mittels seiner aphoristischen Gedankengänge einzuordnen, Goldmunds Gedanken einen philosophischen Rahmen zu geben und vorhandene Zweifel zu besänftigen. Narziß profitiert auch von Goldmund, denn dieser füllt sein trockenes geistiges Leben mit dem Saft der sinnlich-weltlichen Erfahrung und beschenkt ihn damit reich. So gibt der eine, was dem anderen fehlt.
Nimmt man nun an, dass Narziß und Goldmund nicht für zwei verschiedene Personen stehen, sondern lediglich für zwei Triebe in einem Menschen, so ist man wieder bei Schillers Ästhetik: Zwei Kräfte in einem Menschen, die sich gegenseitig beschränken und ergänzen, um das Spiel der Balance zu spielen. Betrachtet man Hesses Erzählung vor dem Hintergrund Schillers Ausführungen, so wirkt Schillers Utopie weniger lebensfremd, weniger transzendental-abgehoben, weniger abstrakt, stattdessen vielmehr menschlich, lebendig und vielleicht sogar pädagogisch-inspirierend. Narziß und Goldmund zeigen, wie es der Einzelne schaffen kann, Natur und Moral auszuleben und die Erfahrungen aus beiden Gebieten zu verknüpfen, um den ästhetischen Zustand zu erreichen und den Menschen zu veredeln.
Was man auch immer von Schillers verquerer Philosophie und Hesses blumiger Prosa (und von Schillers Prosa und Hesses Philosophie) halten mag, die Kombination aus beiden Werken ist inspirierend und menschlich wertvoll. Sie kann jedem dabei helfen, die eigene Situation und das eigene Handeln einzuordnen, besser zu verstehen und das Leben vielleicht sogar ein bisschen zu veredeln.

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