In den Bergen Sri Lankas 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise, Woche 1

„​​The majestic Kingdom of the hills warmly welcomes you“, steht auf einem großen Schild im Bahnhof von Kandy. Majestic Kingdom für’n Arsch! Kandy ist ein Drecksloch! Der erste Eindruck dieser ehemals erhabenen Kolonialstadt wird geprägt von tiefschwarzen Rußwolken uralter Dieselmotoren, Müll, Dreck, räudigen Straßenhunden, Gestank aus Abflussrinnen sowie dem beißend Geruch von verbranntem Müll. Da Kandy von Bergen umzingelt ist, bildet sich eine Glocke aus schmutziger Luft – auch über den schöneren Ecken dieser Stadt. Und zu allem Überfluss ist es überall laut. Nicht einfach nur laut, es ist genauso laut wie es dreckig ist.
So habe ich mir Kandy und Sri Lanka nicht vorgestellt. Enttäuschend. Man muss weg von diesem Ort – weit weg -, um einen Eindruck davon zu bekommen, warum Chinesen, Japaner, Deutsche und Franzosen scharenweise herkommen und in den Städten zu humanen Rußpartikelfiltern werden. Leider weiter weg als es mein Budget zuließ. Ich würde also doch keine Teeplantagen sehen wie ich es vorhatte – die nächste Enttäuschung.
Da meine Reiseabschnittsgefährtin und ich trotzdem nicht den ganzen Tag in der Unterkunft rumlungern wollten, entschlossen wir uns dazu, auf eigene Faust mit den spottbilligen Bussen zu einem Ort zu fahren, der im Reiseführer lediglich mit einem Stern samt dem Zusatz ‚Hunas Wasserfälle‘ gekennzeichnet ist und in erreichbarer Nähe zu sein schien. Unser lokaler Obstdealer – ein grimmiger Typ, der uns für wenig Geld einige fruchtige Offenbarungen verkauft hat – gab uns erste gute Tipps, wie man diesen Ort erreicht. Ab dann fragten wir uns einfach durch: „Hunas falls?“ und kombinierten diese Worte raffiniert mit dem Zeigen auf einen Bus. Meistens folgte ein Kopfschütteln und das Zeigen auf einen anderen Bus oder in eine andere Richtung. Wir mussten zweimal umsteigen und saßen irgendwann in einem röhrenden Gefährt, das sich eine enge gewundenen Bergstraße hochquälte. Der Busfahrer versuchte sich an einem Gespräch mit uns, aus dem wir entnahmen, dass die Hunas-Wasserfälle wegen ausbleibenden Regens trockenfielen. Die nächste Enttäuschung.
Aber jetzt kommt ein aber: Es sollte laut des Busfahrers noch eine andere schöne Stelle geben und da wir sowieso schon fast da waren, wurden wir am Beginn eines wunderbaren Wanderweges rausgelassen und spazierten in aller Ruhe zwischen Palmen, Kaffeepflanzen, Affen und anderen Naturschönheiten, die ich leider alle nicht benennen kann, nach oben. Wir erreichten einen wasserführenden Wasserfall, aßen auf davor liegenden Hinkelsteinen mit Gemüsecurry gefüllte Pfannkuchen und beobachteten elegante schwarze Libellen. Und zwei Touris, die schnell ein Selfie machten und wieder verschwanden. Sight-Hopping. Auch wir sind irgendwann aufgebrochen und einfach weil wir’s können weiter nach oben gelatscht. Durch zwei kleine Bergdörfer – für deren Bewohner wir die Tagesattraktion waren -, mit kurzen Pausen unter Bäumen, die wir als Johannesbrotbäume zu identifizieren versuchten und motiviert durch das Ziel, einen Bergrücken zu erreichen, von wo aus wir Kandy dank des Zaubers der Distanz hoffentlich mit anderen Augen sehen würden.
Statt auf dem Bergrücken standen wir auf einmal in einer Teeplantage. Entgegen meiner Erwartung, ja fast schon gegen meinen Willen sah ich nun doch noch die säuberlich geschnittenen Teehecken – der Vorstand eines jeden Schrebergartenvereins wäre zufrieden gewesen -, die sich dicht an dicht auf den pittoresk geschwungenen Hügeln vor der Kulisse der Bergkette aufreihen, die wegen ihrer Form ‚knuckles‘ heißt. Hindurch windet sich der rote Sandweg, der uns heraufführte, rechts oder links immer mal wieder ein steinernes Mäuerchen und weiter unten im Tal wuschen Tamilinnen ihre bunte Wäsche im Fluss, um den feuchten Traum jedes fotografierenden Sri-Lanka-Touristen zu komplettieren. Kaum zu glauben! Nach all dem Ungemach einen solch reinen, umwerfend schönen Ort zu entdecken, wo außer den dort lebenden Menschen niemand war – vor allem kein Tourist -, war eine Offenbarung. Um den Zauber dieses Ortes nicht über Gebühr zu beflecken, machten wir beiden deutschen Kalkleisten uns alsbald auf den Rückweg. Mit der Erkenntnis, dass Kandy zwar kacke ist, die Umgebung diesen Makel aber auszugleichen weiß.

P.S.: Wenn ich die Bilder meiner richtigen Kamera mit einem Computer zu fassen kriege, folgen weitere Eindrücke. 

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