Eine Woche im Paradies 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise, Woche 2

Nur noch das Geschepper vom Eismann ist zu hören, der irgendwo penetrant ‚Jingle Bells‘ (!) dudelt, um Eisliebhaber anzulocken – in meinen Augen ein zum Scheitern verurteiltes Konzept. Ansonsten umgeben mich bei der Ankunft in der Unterkunft in Arugam Bay angenehme natürliche Geräusche in einer Lautstärke, die schon fast als Ruhe bezeichnet werden kann: Das Krächzen einiger Krähen sowie das Rauschen des Windes in den Palmblättern und des Meeres im Hintergrund der akustischen Szenerie. Nach zehn Stunden Fahrt – sieben davon auf ‚einer der schönsten Bahnstrecken Asiens‘ (Quelle: Reiseführer) zwischen großen Gruppen anderer Touristen und trommelnden Einheimischen sowie drei Stunden Taxifahrt, während der mich meine eigene, ins Auto gestopfte Boardbag beinahe bewegungsunfähig einpferchte – ist alleine die luftige Stille dieses Ortes paradiesisch.
In unserer ‚cabana‘ fühlen sich meine Reiseabschnittsgefährtin und ich uns sofort wohl: Ein einfaches, schlicht eingerichtetes, palmblattgedecktes Häuschen mit Außendusche und großer schattiger Terrasse in einem Garten, den wir uns mit Hunden, Katzen, Affen, Streifenhörnchen, Eidechsen, Fledermäusen, Krähen, Fröschen und anderen Reisenden teilen. Es ist genug Platz für alle im Paradies!
Nach einer Woche der Latscherei und Reiserei mit viel Dreck und Lärm beginnt eine Woche der Besinnlichkeit und langer Siestas mit viel Zeit zum Lesen in der Hängematte, Tee trinken und zaghaften Meditationsversuchen. Außerdem endlich Wellenreiten! Alle meine Reiseländer sind nach der Qualität ihrer Wellen ausgesucht und ich möchte die klobige, fürs Reisen ätzend unpraktische Boardbag nicht umsonst mitgeschleppt haben! Bei meiner ersten Session am Main Point von Arugam Bay bin ich von der Sanftheit der Wellen überrascht. Und vom leider nur seltenen Auftreten surfbarer Sets. Und nicht zuletzt von der Menge an Surfern, die nichtsdestotrotz versuchen, eine der wenigen Wellen dieser Sets zu surfen. Das Warten auf Wellen bin ich von der Nord- und Ostsee kaum gewöhnt. Ich versuche das Gefühl, das in mir aufkommt, als meditative Konzentration wahrzunehmen und nicht als das, was es eigentlich ist: Langweile. Denn für Langeweile ist kein Platz im Paradies. Die Selbstbetrachtung dauert an und ich erschrecke mich als sich auf einmal direkt vor mir saubere, angenehm große und für mich ideal laufende Wellen aufbauen. Vor lauter Schreck falle ich vom Brett. Aber ohne vorher gesurft zu haben. Ich komme mir unglaublich dumm vor, verdränge aber auch diesen Gedanken, denn für Dummheit ist ebenfalls kein Platz im Paradies. Ich reiße mich zusammen und surfe bald darauf meine ersten Wellen in Board-Shorts, ein beinahe ur-paradiesisches Gefühl. Beim Verlassen des Wassers habe ich leider wieder vergessen, was mir beim Reingehen auffiel: Der Spot ist ein ‚reef break‘, was bedeutet, dass der Untergrund nicht aus feinem Sand sondern aus spitzen Steinen und Korallenresten besteht. Es kommt wie es kommen muss: Ich stake unbeholfen über das Riff gen Strand, eine Welle schubst mich und beim ‚rettenden‘ Ausfallschritt schneide ich mir schöne blutige Kerben in die Füße. Für sowas scheint also Platz zu sein im Paradies. Genauso wie für einen Sonnenbrand, der kurz nach den Schnitten zur Liste meiner Gebrechen hinzukommt. Die cabana wird zum Lazarett, nicht weiter schlimm, so habe ich gute Gründe, die Siesta auf den ganzen Tag auszudehnen und meine Aktivitäten auf Touri-Kram wie Safari, Curry essen und Facebook checken zu beschränken.
Arugam Bay ließ sich dank der kleinen Größe auch mit lahmen Füßen gut erkunden. Der Ort ist – auch wegen seiner abgeschiedenen Lage zwischen Dschungel, Savanne, Reisfeldern und dem Meer – eine kleines hippieskes Refugium für Surfer und Backpacker, der sich für Sri Lanka unüblich präsentiert: Statt kitschigem Einrichtungskram in vollgestopften Läden gibt es kleine Galerien, statt den mit Werbung tapezierten Straßenständen gibt es stilvoll eingerichtete Läden, statt schäbigen Essensbuden gibt es einladende Restaurants. Dafür ist alles ein bisschen teurer und uns fehlten auch die überreich gefüllten Obststände, die sonst an jeder Ecke zu finden sind. Auf den zweiten Blick offenbart sich zudem hinter der eben beschriebenen Fassade das omnipräsente Elend: Große Familien in kleinen Wellblechhütten, verschmutzte Natur, brennender Müll und streunende Hunde. Im rasant wachsenden Arugam Bay ist wohl doch nicht für alle Platz im Paradies.

Hier lässt es sich aushalten!

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