Die Mirissa-Depression 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise, Woche 3

Meine Reiseabschnittsgefährtin und ich sitzen im Garten unserer Unterkunft. Über uns knabbern zwei Streifenhörnchen an den Samenständen einer Palme, hinter uns wird gerade unser Frühstück zubereitet und vor uns – direkt vor uns – brechen Wellen in einer der wunderschönen Buchten Mirissas. Was nach teurem Club-Urlaub klingt, ist tatsächlich für uns low-budget-Schluffis erschwinglich. Mit unserer ersten Unterkunft im Touri-Örtchen Mirissa unzufrieden sahen wir das ’summer breeze‘ und entschieden uns spontan dazu, nach Preis und Verfügbarkeit eines Zimmers zu fragen. Es war noch eines frei, balkoniert und mit Blick auf besagten Palmengarten und das Meer. Ein Traum. Wir verließen die andere Bleibe früher als geplant und zogen in die erste Reihe Mirissas um.
Wir konnten es kaum glauben, wie ist das an einem so touristischen Ort möglich? Vermutlich liegt’s am vorsaisonalen Glück. Wir leben hier zwar in einer offiziellen ‚tourist zone‘ und jedes Gebäude ist Hostel, Hotel, Guesthouse, Restaurant und/oder bietet cabanas, Scooter, Zimmer sowie Surf-, Tauch-, und Schnorchelkurse an. Dazu kann man überall – sogar an den Obstständen – Walbeobachtungstouren buchen. Trotzdem ist das Leben hier gerade beschaulich. Die Touristenhorden fallen erst in einigen Wochen ein, wenn die Trockenheit beginnt, die Housekeeper haben also noch viel Zeit zum chillaxen, viele Restaurants sind noch geschlossen, die Ausflugsboote liegen noch im Dock, es gibt kaum Partys und auch im Garten unseres Guesthouses ist meine Reiseabschnittsgefährtin zumeist alleine, spannt eine Hängematte zwischen Palmen, liegt darin, liest und fotografiert mich bei meinen Surfversuchen in der Bucht.
Viel gelingt mir nicht, denn es hat seine Gründe, warum die Touris lieber noch Zuhause im Büro hocken statt unter Palmen im Süden Sri Lankas zu liegen: Es ist schwülheiß, windig, meist bedeckt, regnerisch – schlechte Bedingungen zum Bräunen, Tauchen und Surfen.
Mir ist das zwar egal, der Regen bringt Abkühlung und das Party- und Ausflugsangebot interessiert mich nur marginal. Aber trotzdem überkommt mich eine mehrtägige Lethargie, ich fühle mich als wäre ich in meiner eigenen Vorsaison, in einer Übergangsphase, wie bestellt und nicht abgeholt, nicht wirklich da, auf Abruf, in der Erwartung des kommenden Lebens, wie ein Fremdkörper, verharre in nutzloser Anspannung oder bedrückender Entspannung, meine Energie verpufft, ich schlafe lange und schlecht und außer Abwarten fällt mir nicht viel ein, um die Situation zu ändern. Die Frühstücks unter Palmen, Dankbarkeitsmeditationen und der eigene Vorsatz vor Reisebeginn, jeden Tag zu genießen, helfen nur kurzfristig. Auch die Wellen tragen nicht viel zur Verbesserung der Stimmung bei. Zumindest bin ich beim Surfen in guter Gesellschaft: Es sind zwar wenig überraschend kaum andere Surfer im Wasser, aber zwischendurch taucht immer mal wieder eine Meeresschildkröte auf, um die Lage über Wasser zu checken, zu atmen und mir ‚Hey Dude!‘ zuzurufen. In den Momenten vergesse ich alle vorsaisonalen Mühen, das endlose Gepaddel gegen Weißwasserwalzen sowie die deutlich überkopfgroßen close-out-Wellen, die es auf mich abgesehen haben und ich beginne zu ahnen, warum es mich in die Welt hinausgezogen haben könnte. 
Leider taucht so eine Schildkröte schnell wieder ab und es bleibt der Kampf mit den Wellen. Sind sie zu stark bin ich zu schwach! Das gilt natürlich auch für das Riff unter den Wellen! Dieses martialische Gehabe halte ich meist nicht lange durch, dann zieht es mich ausgelaugt zurück in den Palmengarten zu ginger beer sowie Büffel-Jogurt mit Papaya und Sirup. Auch ein Kämpfer braucht mal Pause. Und in der vorsaisonalen Depression darf die auch mal dekadent ausfallen.

Die Vorsaison macht einen fertig!

P.S.: Dass es so nicht weitergehen kann, ist klar. Im nächsten Bericht geht’s um die Wirksamkeit individualtouristischer Antidepressiva. 

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