Mit dem Roller in den Regenwald

von Joachim Pimmelberger

Weltreise, Tag 21-23

Mit knapp 40 Kilometern pro Stunde treibe ich den kleinen Roller bei gefühlten 40 Grad gen Norden. Die Sonne brennt, aber die Zugluft ist angenehm kühl. Auf dem Sozius: meine Reiseabschnittsgefährtin, sie trägt den Rucksack mit unserem Kram für zwei Tage. Das Ziel ist ein Guesthouse direkt an der Grenze des Regenwald-Reservats ‚Sinharaja‘, dessen genaue Adresse nicht mal Google findet. Von dort aus wollen wir uns durch den Regenwald führen lassen. 
Wir haben es uns gut überlegt, ob wir hier auf Sri Lanka ein motorisiertes Gefährt mieten wollen. Der Reiseführer rät davon ab. Aber der rät auch vom Busfahren ab und behauptet, die ‚Palm Villa‘ in Mirissa sei eine preiswerte Unterkunft. Der Idiot! Außerdem steckten wir mitten in der Mirissa-Depression und hofften, uns durch ein Abenteuer freistrampeln zu können. Also mieteten wir einen ‚Scooty‘ (ein Nachwuchs-Roller mit ganz schön dünnen Reifen) und rekapitulierten aus unseren bisherigen Beobachtungen, wie der Verkehr auf Sri Lanka funktioniert. Zuerst muss man sich vom Gewohnten freimachen und Teil des Chaos‘ auf den Straßen werden. Wichtig ist Folgendes: Linksverkehr, Gas, Bremse, Hupe. Letztere ist inflationär zu benutzen. Alles andere ergibt sich. Fast wie Scooter fahren auf der Kirmes. Nur ohne dabei eine Miene zu verziehen. Buddhismus für Fortgeschrittene: Egal wie gefährlich, vertrackt oder chaotisch eine Situation sein sollte, man zeigt sich stets gelassen, externalisiert die eigenen Gefühle und kommuniziert sie ausnahmslos über die Hupe.
Nach kurzer Zeit sind wir Teil der Straßenverkehrskirmes auf Sri Lanka: Geschmeidig schlängele ich den Roller durch querwandernde Büffelherden, weiche herumstreunden Hunden und Waranen aus, überhole Tuktuks, Trecker, Fahrradfahrer und manchmal sogar Busse. Dabei hupe ich sooft es geht. Trotz des Gebots der Gelassenheit kommt bei mir Euphorie auf und ich kann nicht anders als breit zu lächeln. An mir zieht die Landschaft vorbei, die so schön ist, als ob alle Götter der Sri Lanker sie gemeinsam arrangiert hätten, hier eine Palm- und daneben eine Teeplantage, dazwischen Reisfelder, in denen Eisvögel jagen und dann noch diese majestätischen Bäume, deren Kronen die darunter aufgebauten Obst- und Essensstände beschatten.
Irgendwann traue ich mir sogar zu, mich in die Kurven zu legen, der Regenwald rückt näher und auf einmal sind wir mittendrin. Wir mussten bloß eine Brücke überqueren und befanden uns auf einem schmalen, zugewachsenen und nur teilweise betoniertem Weg, dessen Unwegsamkeit stetig zunahm: Die Steine, denen es auszuweichen galt, wurden größer, der Untergrund wurde holpriger, die Pfützen häufiger und tiefer, der Abgrund rechts immer steiler, die Brücken provisorischer und der Weg selbst immer schmaler. Hin und wieder mal ein Haus, sonst nur dichter werdendes, üppig blühendes Gestrüpp. Und hier soll eine Unterkunft sein? Wir fragen einen Passanten, der zwar kaum englisch spricht, aber unser Anliegen zu verstehen scheint und uns zum ‚Green Heaven‘ bringt, den Housekeeper ausfindig macht – der über unseren Besuch nicht sehr erfreut schien – und sich zu allem Überfluss noch als Regenwald-Guide entpuppt.
Aus lauter Dankbarkeit ließen wir uns auf seine Dienste ein, aber leider reichten seine Englischkenntnisse nur dazu, uns auf ‚butterfly‘, ‚water falls‘, ‚broken tree‘ oder ‚monkeys‘ hinzuweisen. Danke, aber das hätten wir auch noch selbst erkannt. Die Tour an sich war schön, aber mit zunehmender Dunkelheit wurden die Umgebungsgeräusche lauter und uns mulmiger zumute, da wir dem Guide keine Fragen stellen konnten, deren Antworten uns hätten entspannen können. Als wir endlich erleichtert aus dem Reservat stolpern stellt sich zu unserer Verärgerung heraus, dass auch die Preisabsprache wegen sprachlicher Interferenzen nicht funktioniert hat. Wir zahlen natürlich mehr als gedacht. Jeder Erklärungsversuch scheitert, sei es mit vollständigen Sätzen oder Wortfetzen. Der Guide schaut uns stets an wie ein Auto, wiederholt das Wort, das wir zuletzt sagten und brabbelt was von waterfalls, big trees und fish. Immerhin haben wir ihm beigebracht, dass ‚tomorrow‘ der Tag ist, der auf heute folgt. Das hat er sich gleich zunutze gemacht, um uns irgendwie mitzuteilen, dass er tomorrow auch eine Tour mit uns machen möchte. Das kann ja heiter werden, dachten wir uns. Und es wurde sogar noch heiterer als gedacht.
Am nächsten Morgen komplettiert der Housekeeper, der wirklich gar kein englisch spricht, die Komödie. Die Preisabsprache mit ihm hat natürlich auch nicht geklappt. Außerdem verstand er nicht, dass wir unser Gepäck für die Zeit der zweiten Tour gerne im Zimmer lassen wollten. Der Guide versuchte zu vermitteln, hat unsere Anliegen aber ebenfalls nicht verstanden – wie könnte es anders sein. Wir standen also da – verloren zwischen englisch und singhalesisch – und unsere Frustration wuchs. Zudem waren wir übermüdet, weil uns des Housekeepers furchtbarer Asia-Pop in Clublautstärke die ganze Nacht an profundem Schlaf hinderte. Vermutlich wollte er uns loswerden. Hat geklappt. Wir hatten die Schnauze voll und entschlossen uns, aus dem Regenwald zu flüchten. Der abgesetzte Guide folgte uns auf seinem deutlich geländefähigeren Moped zwar noch wie ein Geier für einige Kilometer – vielleicht gibt’s ja doch noch was zu holen -, aber irgendwann sah er ein, dass es zwecklos war und kehrte heim, um die alten Englischhefte rauszukramen. So wie wir’s ihm nahelegten.
Verärgert, erschöpft und enttäuscht klöterten wir mit dem Scooty weiter, ohne Muße, die uns umgebenden Wunder der Natur gebührend zu würdigen. Zufällig kamen wir dann an einem anderen Guesthouse vorbei, deren Besitzer wir ansprachen, weil wir die Hoffnung auf eine informative Tour und eine angenehme Übernachtung im Regenwald noch nicht aufgegeben hatten. Und es wurde alles gut:
Eine Kanne Tee später brachen wir mit englischsprachigem Guide auf und konnten uns unbefangen der Naturpracht widmen. Wir lernten etwas über die Giftigkeit von Schlangen, die Gefährlichkeit von Elefanten, die Stockwerke des Regenwaldes und die Gewohnheiten der ihn bewohnenden Lebewesen. Zum Glück ist das Fiese und Gefährliche vorzugsweise des nächtens unterwegs. Trotzdem sahen wir Affen, eine Giftschlange, Blutegel, Barben, Schnecken, Spinnen, Tausendfüßler, einen Skorpion und viele, viele Bäume und Pflanzen. Der Regenwald ist so dicht bewachsen, es wachsen sogar auf Pflanzen auf Pflanzen Pflanzen. Es gibt keine ebenen Stellen zum Auftreten, überall sind Steine, Wurzeln, Äste oder Stämme, die das Vorankommen erschweren. Dabei haben wir nicht mal die ausgewiesenen Wanderwege verlassen. Alles scheint größer zu sein als ich es kenne: 50 Meter hohe Bäume, Ameisen so groß wie Kakerlaken, Wespen so groß wie Schmetterlinge, Eichhörnchen so groß wie Hunde, Spinnen so groß wie meine Hände, Schnecken so groß wie Hamster, von Bäumen herunterhängende Wurzeln so groß wie die Bäume, die sie umschließen und überall haushoher Farn. Meine Sinne werden von all den Gerüchen, Geräuschen und Gesehenem stark gefordert, genauso wie mein Körper von den beschwerlichen Wegen.
Als wir am späten Nachmittag in die Unterkunft zurückkehren, ist mit uns nicht mehr viel los. Wir duschen, genießen Reis und Curry, etwas später bewundern wir den klaren Blick auf den Sternenhimmel und einige Glühwürmchen, die sich als Sterne ausgeben. Wir lauschen all den kuriosen Geräuschen des Dschungels bevor wir früh einschlafen. Nach einem langen Frühstück fahren wir am nächsten Morgen zurück in die Tourilisation. Die Straßenverkehrskirmes fällt mir dabei gar nicht mehr weiter auf. 

Auch heutzutage noch ein Abenteuer: der Regenwald

Advertisements