Weitergespült

von Joachim Pimmelberger

Weltreise, Woche 4

Über Colombo ziehen tiefschwarze Wolken als ich mich auf den Weg zum Flughafen mache. Am Horizont blitzt es. In einer der tiefen Pfützen vom letzten Gewitterschauer spielen Kinder Fußball mit einem Büffel. Okay, der Büffel schaut nur zu, aber immerhin. Es ist unerträglich heiß und schwül und bereits eine Stunde vor Sonnenuntergang dunkel. Am meinem letzten Tag auf Sri Lanka lässt die Regenzeit noch mal die Muskeln spielen. Endzeitstimmung. Ob das was zu bedeuten hat sei mal dahingestellt.
Passt aber gut: Am Tag zuvor habe ich meine Reiseabschnittsgefährtin verabschiedet, sie ist bereits zurück in der Kältekammer Deutschland und ich bin nochmal durch Colombo flaniert, um mich an den Start der Weltreise vor vier Wochen zu erinnern, Dinge Revue passieren zu lassen, Abschied zu nehmen und nicht zuletzt, um guten Tee zu trinken.
Dazu gehe ich in ein Etablissement namens ‚The Pagoda Tea Rooms‘, das von außen einen ehrwürdigen Eindruck erweckt. Schnell stellt sich heraus, dass die Räumlichkeiten vielleicht während der Kolonialzeit mal tea rooms waren, jetzt beherbergen sie eine bessere Kantine. Zwar mit Tee auf der Speisekarte, dieser ist aber nicht weiter spezifiziert. Ich erwarte nicht mehr allzu viel, kippe nach Art der Srilanker direkt (viel) Milch und Zucker dazu und nehme den ersten Schluck. Trotz der Ablenkung durch die nachträglich ergänzten Zutaten meine ich den heuartigen Geschmack von ‚tips‘ im Tee wahrnehmen zu können. Tips sind die kleinen, noch ungeöffneten Teeblätter, sie sind das Wertvollste der Teepflanze. Noch nie habe ich auf solche Nuancen geachtet. Es gab einfach schwarzen Tee – die ostfriesische Mischung – je nach Laune oder Aufenthaltsort mit mehr oder weniger Milch, Zucker und Honig.
Mittlerweile habe ich den Herstellungsprozess von schwarzem Tee in der ‚Lumbini tea factory‘ gesehen, habe etwas über die Größe der für den Tee genutzten Blätter und den Unterschied zwischen den Tees aus hohen und niedrigen Anbauregionen gelernt und jede Menge unterschiedliche Tees bewusst getrunken. Aufgrund meiner positiven Überraschung frage ich in den Kellner in den ehemaligen tea rooms, welcher Tee dort genutzt wird. Ich hoffe auf etwas wie: „High grown TFBOP from Nuwara Eliya.“ Der Kellner schaut kurz irritiert, überlegt, schaut auf mein Getränk und antwortet schließlich: „Milk tea.“ Die Pointe der Geschichte ist vermutlich einem Missverständnis geschuldet, nichtsdestotrotz zeigt sie, dass ich nach dem Monat auf Sri Lanka meinen Tee bewusster und kenntnisreicher zu trinken vermag.
Die Sri Lanker hingegen geben wenig auf die Feinheiten dieses kolonialen Erbes. Sie trinken zwar gerne Tee, bereiten ihn aber als ‚milk tea‘ – mit Ingwer, Zucker, Milchpulver -, ’nescafé‘ – wie milk tea, aber mit Kardamom – oder ‚plain tea‘ – mit viel Ingwer, viel Zucker, ohne Milch und so – zu, sodass die geschmacklichen Unterschiede der Basiszutat keine Rolle mehr spielen. 
Tee ist eine der Besonderheiten Sri Lankas und ich durfte weitere kennenlernen oder beobachten: Besonders fasziniert hat mich das anscheinend friedliche Nebeneinander von ausgelebtem und exzessiv zur Schau gestelltem Glauben. Es nervt allerdings, wenn morgens und abends abgespielte Gesänge und Musik in asiatischer Lautstärke aus Tempeln, Kirchen oder Moscheen dröhnen. Die Tempel an sich haben mich leider enttäuscht, ich hätte sie mir erhabener und weniger klöterig vorgestellt. 
Eine weitere Sache verfolgen Sri Lanker ebenso eifrig wie die Pflichten ihres Glaubens: Laub fegen. Die immergrünen Bäume und Pflanzen verlieren stetig viele große Blätter und Blüten, die täglich seelenruhig geharkt und dann zusammen mit dem Hausmüll verbrannt werden. Sri Lanka, das Land des ewigen Herbstes – und der ewigen Lagerfeuer am Straßenrand.
Mir gefällt außerdem, dass die Busse und Züge mit offenen Türen fahren, dass Sri Lanker stets ein Lächeln auf den Lippen haben, der Überfluss und die Vielfalt an feinstem Obst, das Beobachten von Streifenhörnchen, Waranen, Eisvögeln und Affen, die Tuktuk-Herden auf den Straßen, die üppige Vegetation, die schlichte Art zu Tischlern, frittierter Reis mit Gemüse, Reis mit Curry, Kottu Rotti, Büffel-Jogurt mit Trickle und die omnipräsente Nutzung von Kokos und Ingwer in der Küche.
Es war spannend zu sehen, wie sich die Städte und Regionen mit ihren Schwerpunkten und Klientels verändert haben: Colombo mit seinen wichtig wirkenden, schmalen Anzugträgern, dessen Antlitz sich auf unzähligen Baustellen gerade grundlegend wandelt; das dreckige Kandy, das nur mit Tempel und Tanz-Show aufwarten kann; Arugam, von Surfern und Surf-Shops geprägt, besonders beliebt bei Israelis, die wegen ihres Benehmens bei allen anderen weniger beliebt sind; das Walbeobachtungsboot Mirissa und zuletzt Hikkaduwa, wo man mehr als sonstwo zum Kauf von Klunkern und Ayurveda angehalten wird und wo alle Touri-Angebote auch auf kyrillisch präsentiert werden, damit die zahlreichen Russen vor Ort lesen können, wofür sie Geld ausgeben sollen. 
Auf den Lärm, den Dreck, das Elend der Städte und das dauernde Angequatschtwerden hätte ich verzichten können. So wie ich auf Walbeobachtungstouren, Partys, organisierte Rundreisen, den Kauf von Edelsteinen und den Stress, was erleben zu müssen, verzichtet habe. Erstaunlicherweise hat mich der Verzicht auf Kaffee, Käse, Alkohol, Fernsehen und Pizza nicht weiter gestört, einen guten Americano habe ich mir zu guter Letzt beim Schreiben dieser Worte aber doch noch gegönnt.
Insgesamt war es ein vielfältiger, teilweise aufregender, teilweise meditativ-kontemplativer, touristisch geprägter Aufenthalt, dessen Schwerpunkt auf dem Wellenreiten lag. Wegen durchwachsener Bedingungen halten sich meine sportlichen Fortschritte aber in Grenzen. Was unter anderem an all den Gebrechen lag, unter denen wir litten. Zum reef cut und dem Sonnenbrand kam bei mir eine nicht unerhebliche Brandwunde, die ich mir selbst zufügte. Mit kochend heißem Teewasser. Ironie des Schicksals. Meine Reiseabschnittsgefährtin lag zudem wegen eines Sonnenstich flach. Die Luft war in den letzten Tagen in Hikkaduwa einfach raus.
Der Umzug nach Colombo belebte uns: Wir sind bei einem jungen Sri Lanker und seiner Familie untergekommen, den wir zu Beginn der Reise kennenlernten und fühlten uns etwas weniger touristisch. Wir aßen Kichererbsen und srilankisches Porridge zum Frühstück, tranken plain tea oder milk tea zwischendurch, futterten Reis und Curry mit den Fingern und ich meditierte auf der Rückbank des Tuktuks der Familie.
Jetzt geht’s für mich weiter nach Bali. Meine Reiseagentur überredete mich zu dem Stopp dort. Soll toll sein. Vor allem für Surfer. Surfen, Essen, Schlafen. „Und für Ballermann-Touristen“, ergänzte ich im Stillen. Saufen, Schlafen, vielleicht essen. „Und für Verliebte“, ergänzt ein befreundetes Pärchen, das zufällig zur selben Zeit wie ich Bali bereisen wird. Miteinander schlafen, schlafen, essen. Ich bin gespannt wie’s wirklich wird. Und wie viel Wellenreiten ich ertragen kann. Außerdem hoffe ich, dass mein Flug nicht wegen der nahenden Regenzeit-Apokalypse abgesagt wird. 

Colombo vor der Apokalypse

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