#5 Joachim las 

von Joachim Pimmelberger

Joachims Rudel einsamer Wölfe 

Jo Nesbøs Figur Harry Hole ist der Silberrücken unter den einsamen Wölfen. 

  1. The Girl in the Spider’s Web – David Lagercrantz
  2. Der Schwimmer – Joakim Zander 
  3. Erwartung – Jussi Adler-Olsen 
  4. The Leopard – Jo Nesbø 

Es ist Weltreise und Joachim liegt in der Hängematte im Schatten irgendwelcher Pflanzen oder Dächer und liest. Dazu hatte er bislang viel Zeit und Muße. Die Bücher-Tauschregale der Touri-Unterkünfte Sri Lankas und Balis haben sein Faible für skandinavische Krimis und Thriller gut bedient: Die Fortsetzung der Millenium-Trilogie fand sich genauso wie Teile der Reihen um die Inspektoren Harry Hole – von der Joachim schon zwei las – und Carl Mørck, in deren Genuss er noch nicht kam. Zu der illustren Gesellschaft hinzu kam Klara Walldén, eine Protagonistin aus den Krimis von Joakim Zander.
Die Hauptfiguren dieser Bücher sind allesamt einsame Wölfe – getrieben, gescheitert, totgesagt, herumirrend, selbstzweifelnd. Sie werden geeint durch besondere Fähigkeiten und ihre Einsamkeit: gewollte und ungewollte, belebende und erstickende, schicksalshafte und zufällige, aufwallende und abebbende Einsamkeit. Und Joachim schließt sich stundenweise dem Rudel an während der Zeit seiner selbstgewählten Einsamkeit auf Reisen, die durch Begleitung gemindert und Kontakt in die Heimat gelindert wird, aber immer wieder aufwallt und auch immer wieder abebbt. 
Die Geschichten, Themen und Besonderheiten der Werke sind unterschiedlich und werden daher einzeln vorgestellt:

The Girl in the Spider’s Web (dt.: Verschwörung):

Einsame Wölf_innen: Mikael Blomkvist, alternder Journalist auf dem Abstellgleis, ledig & Lisbeth Salander, ledig, aussätzig, hochbegabt
Wertung: 4,5/5 Sternen

Vielbeachtet, gelobt und kritisiert: David Lagercrantz‘ Fortsetzung der Millenium-Trilogie polarisierte bei ihrer Erscheinung. Joachim gefiel die Geschichte und der neue Schreib-Duktus außerordentlich. Es geht – wie immer – um die Verwicklung des Top-Journalisten Mikael Blomkvist und der Top-Hackerin Lisbeth Salander in kriminelle Machenschaften großen Ausmaßes. Dieses Mal benimmt sich eine Gruppe Menschen daneben, die weltweit erhackte Wirtschaftsgeheimnisse an Meistbietende verkauft. Mit reingezogen werden außer den beiden einsamen Wölfe_innen noch die NSA – wie könnte es anders sein? -, eine Firma aus dem Silicon Valley – wie könnte es anders sein? -, und ein autistischer Junge mit – wie könnte es anders sein? – unglaublichen Fähigkeiten.
Die einzelnen Handlungsstränge werden am Ende virtuos verflochten, es wird genügend Raum für weitere Fortsetzungen gelassen und die Charaktere haben unter Führung von David Lagercrantz auf der einen Seite nichts von ihrem Charme und ihrer Tiefe, zum Glück aber Eigenheiten verloren, die Joachim nervten: Er hielt es nämlich durchaus nicht für nötig, dass Blomkvist mit jeder im Plot auftauchenden Frau früher oder später schläft. Das tut er nicht mehr. Und Joachim hielt es des weiteren nicht für nötig, dass es jedes Mal erwähnt wird, wenn Blomkvist Kaffee kocht, aufsetzt, brüht, durchlaufen lässt und trinkt. Entweder hat er seinen Kaffee-Konsum gedrosselt oder es wird nicht mehr erwähnt. Diese und weitere Feinheiten sorgen dafür, dass die Geschichte stringenter abläuft, mehr Zug hat und einen einsaugt, aber dafür auch konstruierter, abgehobener, technischer wirkt.
Insgesamt eine mehr als würdige Fortsetzung, die nebenbei noch Themen wie den Niedergang des Journalismus‘, Sicherheit im Internet, Datenmissbrauch, Autismus und Mathematik behandelt. Sehr lesenswert!

Der Schwimmer:

Einsame Wölf_innen: Mammoud Shammosh, ehemaliger Elitesoldat, schwul, ledig; Klara Walldén, vermeintliches Waisenkind, Einzelkämpferin, ledig & ihr Vater, verkaufte seine Seele an den Geheimdienst, will Wiedergutmachung leisten, schwimmt gerne, auch ledig.
Wertung: 3/5 Sternen

Die Geschichte eines Spiones, der sich dummerweise verliebt, ein Kind bekommt, dessen Freundin dem ihm geltenden Anschlag zu Opfer fällt und der besser spät als nie versucht, bei seiner mittlerweile erwachsenen Tochter Wiedergutmachung zu leisten. Weitere prominente Charaktere: Ein schwuler arabischer Ex-Soldat, aufstrebender Jurist, eine aufstrebende schwedische Juristin, eine andere aufstrebende schwedische Juristin und ein gefallener schwedischer Jurist, der sich dem Lobbyismus verschreibt. Klingt chaotisch? Ist es auch. Da könnte mal einer aufräumen. Vielleicht die Polizei? Die hat in dem Buch aber nichts zu melden. Zanders Charaktere machen das unter sich aus. Es bleibt also unübersichtlich.
Fazit: Leidlich gelungen, aber für Joachim mit einigen Mängeln: Die Hauptgeschichte wird zu häufig durch Nebengeschichten unterbrochen, die zeitlich stark divergieren und ohne klare Linie scheinen. Es werden zu viele Menschen vorgestellt, sodass nicht klar ist, wer die Hauptfigur ist. Und erst recht nicht warum. Der Schreibstil ist einfach, klar, parataktisch, wie die Charaktere. Der Autor bedient jede Menge Klischees über Lobbyisten, Politiker, Spione, Juristen und Schweden vom Lande. Und belässt es dabei. Mechanisch schiebt er seine Figuren hin und her, lässt hin und wieder was unklar, am Ende kommt das große Finale, es sterben Menschen, aber wer und warum spielt eigentlich keine große Rolle. Klara Walldén überlebt und vielleicht ist das auch der einzige Grund, warum sie die Hauptfigur ist.
Nichtsdestotrotz ist das Buch spannend und ausreichend unterhaltsam, es werden innere Abgründe sichtbar, die durchaus intensiv sind, es gibt unvorhergesehene Wendungen, aber am Ende bleibt nicht viel. Außer das Buch zurück ins Tauschregal zu stellen. 

Erwartung:

Einsamer Wolf: Carl Mørck, Polizist, WG-Bewohner, Zyniker, ledig, hat so seine Problemchen mit Frauen; Marco, von der Mutter verlassen, vom Vater nichts zu erwarten, unglückliches, intelligentes Mitglied einer kriminellen Bande Südeuropäer, entwischt, löst dadurch eine Lawine an Ereignissen aua.
Wertung: 4/5 Sternen 

Carl Mørck ist mit seiner Polizisten-Rasselbande eine willkommene Abwechslung zu den verkniffenen, runtergerockten und aussätzigen Charakteren der anderen Bücher. Er ist zwar knurrig, eckt gerne an und hat auch sein Päckchen zu tragen, zusammen mit seinen Kollegen – ein Araber, eine Punkerin und ein Greenhorn – kommt aber immer wieder Komik auf. Die Geschichte ist komplex und oft glaubwürdig konstruiert, das Ende weiß aber nicht zu überzeugen, da alle ‚Schuldigen‘ tot sind.
Insbesondere die Partien, in denen es um Marco geht, sind packend und lebendig, der Rest hinkt ein bisschen hinterher – genauso wie die gesamte Besetzung des Buches irgendwann Marco hinterherhinkt. Afrikanische Kindersoldaten, korrupte Banker, ein größenwahnsinniger Clan-Chef, der halbe Ostblock und nicht zuletzt die Polizei. Ein bisschen zu viel des Guten findet Joachim. Nichtsdestotrotz spannend genug, um es nach einem langen Tag auch noch des nächtens aufzuschlagen, wenn Joachim tropische Hitze und laute Musik nicht schlafen lassen.

The Leopard (dt.: Leopard):

Einsamer Wolf: Harry Hole, Polizist, alkohol-, drogen- und spielsüchtig, seine Familie zerbrach, floh nach Hongkong, zieht Ärger und schöne Frauen an.
Wertung: 5/5 Sternen

Harry Hole ist der Silberrücken unter den einsamen Wölfen, der Chef der Kaputten, der Prototyp eines Querschlägers, nur sich und seinen Prinzipien verpflichtet. Und seinen Süchten. Zu Beginn muss er von einer Kollegin – einer unglaublich hübschen natürlich – in Hongkong aufgelesen und wiederhergestellt werden, um in Oslo einen Serienmörder zu fassen. Will er eigentlich nicht, macht’s letztendlich trotzdem.
Das Buch lädt mehr als alle anderen zum Miträtseln ein, es ist vielseitig und vielschichtig, spannend und nachdenklich, geprägt von solider Polizeiarbeit und zum Teil brutaler Action. Es geht nicht nur um die Aufklärung der Morde, sondern auch um Politik, Deals hinter den Kulissen der Polizei und menschliche Motive, perfide Taktiken, (Sehn-) Süchte und Abgründe. Dem Werk wird durch Details wie dem Leopoldsapfel – ein Folterinstrument – und durch den Wahnsinn des Harry Hole perfekt abgerundet. Für Joachim der beste Teil der Werke dieser Reihe, die er bereits kennt.

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