Surf’s up! And down…

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 5/6

​Beim Dinner mustert mich der Kerl, der mich kurz zuvor in der Unterkunft in Medewi willkommen hieß, auf einmal mit biergetrübtem Blick. Sein Fazit kommt prompt: „Breite Schultern, aber an den Armen können wir noch arbeiten.“ Komisch. Ich dachte, es sei eher anders herum. So oder so, der Spruch zeigt eines: Sportlich gesehen weht ab sofort ein anderer Wind in meinem Surfleben! Das Stümpern hat hoffentlich ein Ende. Ich möchte wissen, was ich anders, was ich besser machen kann. Und es dann auch anders und besser machen. Vom Eindruck meines Körpers wechselt das Thema zum Glück schnell zu Tiden, Spots, Windabhängigkeiten, Barrels, Consistency, planlosen Japanern im Line-up, Wellenhöhen und Brettgrößen. Oder waren es Wellengrößen und Bretthöhen? Ich war die ganze Nacht unterwegs, habe nicht geschlafen und bin nicht mehr ganz zurechnungsfähig, folge der ‚Expertenrunde‘ aber neugierig, da relevantes Wissen für mich dabei sein könnte.
Zwischendurch entdeckt mich der Bierblick wieder. „Intermediate?“ – Brauche kurz, bis ich die Frage erkenne und bejaha hastig. „Schon grüne Wellen?“ – Na klar! „Schon Barrels?“ – Nein. „Brett?“ – Sechszweier Hybrid. Vorerst keine weiteren Fragen vom Bierblick. Das war reinster Surfsmalltalk. Für den Moment reicht’s mir auch, es geht mittlerweile um Reiseformalitätsgeschichten (Reisen mit beinahe abgelaufenem Pass) für die ich mich auch dann nicht erwärmen kann, wenn sie – wie in diesem Moment – mit Dramatik in Blick und Stimme, rhetorischen Pausen, Tempi- und Tonlagenwechseln sowie einer Pointe vorgetragen werden. 
Am nächsten Morgen bin ich wiederhergestellt und gehe erstmals ins Wasser, Medewi hat eine lange, wenig steile, leicht zu surfende Welle, ich fahre bescheidene Turns und Cutbacks auf überkopfhohen Wellen und scheine am genau richtigen Punkt zur persönlichen Weiterentwicklung angekommen zu sein. Andere Surfer aus der Unterkunft, mit denen ich im Wasser bin, raten mir zu mehr Commitment beim Paddeln sowie dazu, den hinteren Arm mehr mitzunehmen, verstärkt meinen Blick zur Beeinflussung der Surfrichtung zu nutzen, meinen hinteren Fuß für Turns weiter hinten auf dem Brett zu platzieren und „in der Section höher am Fels zu fahren“. Alles gute Tipps, die ich über Surfmeditationen versuche, in meinen Surf zu übertragen. Die nächsten Tage sind eher klein und ich übe schnelle Take-offs, sause die Wellen herunter und mache beim Zurückpaddeln eine interne Wellenbeprechung. Surf’s up, die Vorhersage für die kommenden Tage stimmt, so kann’s weitergehen!
Rückblickend ist eine Umformulierung nötig: So hätte es weitergehen können. Am Morgen nach dem dritten Surftag drückt mein Ohr und fängt an zu schmerzen. Alle raten zu Zurückhaltung. Auf Bali kann alles, was klein beginnt, schnell zum ausgewachsenen Problemfall werden. Man erzählt Geschichten von Leuten, die man kennt, denen schlimme Sachen passiert sind. Ist ja gut. Ich lasse mir Tropfen ins Ohr tröpfeln und lege mich auf die Seite. Am nächsten Tag ist es nicht besser. Alle schauen besorgt. Erzählen Geschichten. Ich nehme wieder die Tropfen. Zwei Tage Pause. Hrmpf! Bin es trotz der Probleme auf Sri Lanka (noch) nicht gewohnt, mich so sehr nach den Befindlichkeiten meines Körpers zu richten. Nunja. Am Tag drauf war der Schmerz weg – der Druck aber nicht – und am Nachmittag wage ich mich wieder ins Wasser. Alle scheinen das okeh zu finden. Ich schaffe es ins Wasser, auf ein zwei Wellen, aus dem Wasser, zur Unterkunft, in trockene Kleidung und zum Essenstisch. Weiter aber nicht. Dort bricht mein Kreislauf zusammen. Einfach so. Der spinnt wohl! Alle gucken bestürzt, wollen helfen. Meine Beine werden hochgelagert und massiert, ich zittere, kriege Zuckerwasser eingeflößt, meine Hände sind taub, sie werden auch massiert, einer vermutet, es liegt daran, dass mein Ohr frei wurde, könnte sein, ich schiebe mir noch etwas trockenen Reis ein und lege mich hin. Das schaffe ich ganz alleine – immerhin. Der nächste Tag ist kacke. Der darauf schon besser. Ich unternehme eine Rollertour. Der dritte Ruhetag ist Vorsichtsmaßnahme. Mein Geist ist schon wieder voll einsatzfähig. Der Surf liegt hingegen ganz schön brach. 
Die Qualität des Wiedereingliederungssurfs am vierten Tag nach K. ist weit von dem entfernt, was die Woche zuvor schon möglich war. Aber mein Körper hat ihn toleriert. Ich mache viele Fehler, bin dauernd falsch positioniert, wackele – wenn ich doch mal aus Versehen eine Welle habe – herum wie Einjährige hinter einem Lauflernwagen, setze Turns zu spät an und falle spätestens dann. Der Spray anderer Surfer in meinem Gesicht ist der Hinweis auf den langen, steinigen Weg des Besserwerdens. Meiner erscheint mir gerade noch besonders lang zu sein. Und besonders steinig. Aber die Energie kehrt in meinen Körper zurück und das Essen schmeckt wieder.
Am dritten Surftag nach der Zwangspause kriege ich fast meine erste Barrel. Im Wasser habe ich das gar nicht gemerkt, ich wurde von dem Local am Ufer darauf hingewiesen, der mich dabei fotografiert hat. Ich hätte nur „stallen“ müssen, sagt er. Ich muss vor allen Dingen erstmal nachschauen, was dieses Wort bedeutet. ‚To stall‘ meint, dass der Surfer sein Tempo verringert, um von der Barrel eingeholt zu werden. Und um dann noch zu vermeiden, wie ich von der Lippe der Welle am Kopf getroffen und vom Brett gefegt zu werden, muss man sich auch noch klein machen. Ich habe keinen Plan wie das beides gleichzeitig gehen soll. Und erst recht nicht in Echtzeit. Werde also vermutlich auch von der nächsten Barrel einfach abgeräumt.
Am nächsten Tag zeigt mir der Local neue Fotos und meint, da und da hätte ich einen Turn setzen sollen. Einen weiteren Tag später sehe ich auf den Fotos wie jugendliche Locals in meine Welle droppen und mich denken lassen, ich hätte denen die Welle geklaut. Lümmels! Aber schön, dass der Fotomann die Rolle des Ratgebers übernimmt (auch wenn er meist unkritisch-begeistert von meinen Fähigkeiten ist, um seine Bilder zu verkaufen), denn in der Unterkunft machen sich Surfer gerade rar.
Zwei gute Freunde aus Deutschland (Nicht-Surfer) sind für einige Tage in Medewi, um einen Eindruck vom puren Surfer’s Lifestyle zu bekommen. Verhältnismäßig früh raus, an den Strand, Zwischenmahlzeit, es ruhig angehen lassen, vielleicht noch mal Surfen, abends dickes Dinner bei ‚Mama‘, der guten Seele des Homestays. Bekommt ihnen gut. Genau wie mir. Die Haut wird brauner – beziehungsweise erst rot und dann brauner -, die Haare blonder und die Stimmung ist gut. Zwei Wochen habe ich die Art zu Leben in der Abgeschiedenheit Medewis durchgezogen, einige Locals grüßen mich mit Namen, ich habe versucht, meinen Geist zu fordern, trotz Krankheiten nicht träge zu werden und an meinem Surf gearbeitet. War schön, aber jetzt wird es Zeit für Veränderung. Noch einmal Dinner – ‚Bankett‘ wäre passender für die Mengen an hervorragendem Essen, die ‚Mama‘ immer auftischt -, noch eine Nacht im Bungalow, vielleicht noch eine Runde auf den runden Wellen Medewis herumrutschen und dann reise ich in den Süden Balis. Mal sehen, ob sich da die Surfer- und Touristenmassen versteckt haben. Oder ob Bali diesbezüglich weiter zu überraschen weiß. 

Auf der Welle im Hintergrund zu sehen: nicht ich.

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