Von der Last, viel freier Zeit günstig einen Sinn zu geben

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 7

Warum ich mit meinem bescheidenen Budget die Weltreise nicht einfach verkürzt habe, um mehr Geld pro Tag zur Verfügung zu haben, fragt mich ein junger Belgier – nennen wir ihn spaßeshalber Dieter -, den ich kurz zuvor kennenlernte. Ich weiß aus dem Stehgreif keine gute Antwort, ich weiß allerdings, worauf Dieter hinaus möchte: Je mehr Geld man pro Tag zur Verfügung hat desto mehr schöne Sachen kann man machen oder kaufen. Ein Pancake reicht nicht? Dann gibt’s halt noch ’nen Zweiten! Im Norden gibt’s schöne Orte zum Schnorcheln? Ab ins Taxi! Keine Lust, dieselbe mit Sonnencreme vollgekleckerte Boardshorts bei jedem Surf zu tragen? Kein Problem, beim Volcom-Shop um die Ecke gibt’s sicher noch welche! Bali Coffee hängt dir zum Hals raus? Gönne dir doch mal diesen Kaffee, der bereits einmal das Verdauungssystem eines Fleckenmusangs passiert hat! Dein Körper ächzt nach all dem Gesurfe? Massagen können da Wunder bewirken! Legst du genügend Scheinchen auf den Tisch, sorgst du für abwechslungsreiches Programm und genug Anregung von außen. Und es gibt immer was zu erzählen. 
Man kann Dieter sicher nicht vorwerfen, einen großspurigen Lebensstil zu pflegen, als er jedoch hört, wie viel Geld ich am Tag zur Verfügung habe, stellt er mir die oben zitierte Frage, die mich ins Grübeln brachte. Letztendlich läuft es darauf hinaus, wie man die freie Zeit verbringen möchte, die man sich genommen hat.
Ein Extrem ist die Variante ‚Arbeitnehmer auf Urlaub‘: Wenig Zeit zu verschwenden, verhältnismäßig viel Geld zur Verfügung. Komfortable Unterkunft, gutes Essen, Mietwagen, Ausflüge, ein bisschen Zeit für Power-Relaxing mit dem neuen gehypten Buch (auf dem extra für den Urlaub angeschafften eBook-Reader) und Cocktails am Pool – der Strand ist immer so sandig, bäh! Diese Variante kann zu Freizeitstress führen, da man die wenige freie Zeit so gut wie möglich nutzen will. Es ist immer was los, wenn man möchte. Aber die Eindrücke bleiben oberflächlich, ein wenig künstlich. Kann beim anderen Extrem – Variante ‚Aussteiger‘ – nicht passieren: Man hat täglich viel Zeit zu verschwenden, aber wenig Geld zur Verfügung. Billige Unterkünfte, abwechslungsarme Ernährung (alles, was günstig satt macht), dauernde Preisvergleiche, Währungsrechnerei, viele Kompromisse, Verzicht.
Ich befinde mich tendenziell am letzteren Extrem, das haben mir in den vergangenen Wochen einige Gespräche mit anderen Reisenden aufgezeigt. Und ein Besuch in Kuta trieb diesen Gegensatz auf die Spitze: Die dort hochgezogenen Hochglanzkulisse aus dicken Hotels, trendigen Surfläden, schicken Cafés und klimatisierten Malls bietet unendlich viele Möglichkeiten (Geld auszugeben). Ich bin zwar generell in der glücklichen Situation, über viel Zeit zu verfügen und das an Orten, wo oft die Sonne scheint sowie Natur und Landschaft nicht mit Reizen geizen. In Kuta jedoch zeigt sich, was ich dafür in Kauf (ausnahmsweise ein Kauf, der nichts kostet) nehmen muss: All die Läden, die versuchen, ihren Besuchern das Gefühl zu vermitteln, ohne die angebotenen Produkte nicht gut genug zu sein, muss ich mit eben diesem defizitären Gefühl verlassen. Auch den Verlockungen von Bier-Flatrates und Ausflügen in Schnellbooten muss ich widerstehen, um meine weiteren Reiseplanungen finanziell nicht zu untergraben. Ich betrachte es als asketische Übung – was mir an diesem Tag erstaunlich gut gelingt – und sage mir, dass Geld nicht glücklich macht. Kein Geld macht im Umkehrschluss aber auch nicht zwangsläufig glücklich. Es läuft wohl mal wieder auf die goldene Mitte hinaus.
Ich frage mich, ob ich noch in diesem Bereich unterwegs bin. Denn was habe ich davon, an wunderbaren Orten zu sein, wenn ich meine Tage damit verbringe, mich vom Geldausgeben abzuhalten? Dieter hat die low-budget-Phase hinter sich. Hat ihn fertig gemacht, meint er. Ich hingegen glaube, dass diese Art zu leben mir in meiner aktuellen Lebenssituation gut tut.  
Verzicht zum Zwecke der Selbsterkenntnis war und ist der Weg der buddhistischen Bettelmönche. Geht auch ohne orangefarbenes Gewand: Ich muss mich beschränken und lerne so, was mir wirklich wichtig ist. Ich muss mich beschränken und erkenne, was ich an meinem Alltagsleben in Deutschland besonders vermisse. Ich muss mich beschränken und lerne, worauf ich problemlos verzichten kann. Diese Erkenntnisse werde ich mir zu bewahren versuchen, um mich daran erinnern zu können, wie reich und lebenswert mir mein deutsches Leben erschien als ich es für ein halbes Jahr zum Lüften ausgezogen hatte. Für den Fall, dass es nach meiner Rückkehr mal zu kratzen und zu jucken anfangen sollte.  
Seitdem ich alleine reise, ist mein Leben weitesgehend entkernt – mein Leben in Deutschland ist im Vergleich dazu dekadent. Es bleiben nur die Grundmauern (essen, trinken, schlafen) und ein bisschen Schmuckwerk: Wellenreiten. Ein Leben befreit von dem, woran unsere Gesellschaft krankt: Zu viel Arbeit, Stress, sinnentleerte Routinen, Materialismus, Oberflächlichkeit, zu wenig Zeit für Muße und mal nach rechts oder links zu schauen. Es bleiben in diesem entkernten Leben aber auch viele Stunden, die es zu verbringen gilt ohne dabei Geld auszugeben und ohne sich selbst hinterher eingestehen zu müssen, doch eigentlich viel zu viel rumgehangen zu haben. Luxusproblem? Bestimmt. Ich möchte aber nach der Reise zu mir selbst sagen können: Guter Junge, hast das Beste daraus gemacht! Wie gelingt das? Ohne sich selbst unnötigem Druck auszusetzen? Ich werde diese Frage wohl erst rückblickend beantworten können, jetzt kann ich nur von meinen Versuchen berichten: Viel Zeit wach verbringen, viel lesen und das Gelesene reflektieren, mich in der Kunst Meditation üben, einen gewissen Rhythmus beibehalten, mich körperlich verausgaben, über meine Erlebnisse und Gedanken berichten, mit offenen Augen unterwegs sein und mir beibringen, mich auf eine nur eine Sache gleichzeitig zu konzentrieren, Neues ausprobieren, alles Schöne bewusst zu genießen, aktiv auf Menschen zugehen, innerlich stets lächeln und lernen, Gutes wie Schlechtes zu akzeptieren und vorbeiziehen zu lassen.
Alles schön und gut, aber wenn ich in Neuseeland – mein nächstes Ziel – wwoofen werde, werde ich wahrscheinlich froh sein, mal wieder arbeiten zu dürfen. Denn wenn ich Südostasien verlassen haben werde, reicht es nicht mehr, die Füße ein wenig stillzuhalten und mir warme Gedanken zu machen, um mit meinem Budget über die Runden zu kommen. Da braucht es einen anderen Reisestil. Und der wird neue Erfahrungen und Erkenntnisse mit sich bringen. Es bleibt also spannend. 

Mit ein bisschen Glück findet man gutes, reichhaltiges Essen für wenig Geld.

Advertisements