Vom Reisen 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche (7-) 8 

Fast vier Wochen lang habe ich jeden Tag das Gleiche gemacht: Geschlafen, gegessen, gelesen, gepaddelt, auf Wellen gewartet – hin und wieder mal eine gesurft – und maladiert. Meine Homebase in Schland ist besorgt: Ob ich wohl genug esse?  Ob ich mich gut fühle? Ob das Ohr noch zwickt? Ob ich genug Spaß habe? Genug erlebe? Ob mich die Langeweile plagt? Ob ich nicht zu wenig von Bali sehe? Allen Besorgten sei gesagt: Mir geht’s gut, ich möchte meine Zeit so verbringen wie ich es getan habe und meine Konstitution ist zu bekannter Zuverlässigkeit zurückgekehrt seitdem ich mir mehr Mühe gebe, jeden Tag genug zu essen. Und um die letzten Bedenken zu zerstreuen, habe ich mir auch noch ein bisschen Touri-Kram verordnet. Tempel angucken, in Ubud rumlaufen, in einem echten Restaurant essen, Couchsurfen und so.
Als ich Medewi verlassen habe, hatte ich das Übliche im Sinn: Wellenreiten. Meine neuen Skills an anderen Spots auf die Probe stellen. Nebenbei eine weitere Ecke Balis kennenlernen, nach einer Woche weiterziehen, woanders surfen. Es kam anders, wie sollte es anders sein? In ‚meinem‘ Homestay in Ungasan fühlte ich mich so wohl, dass ich mich zum Bleiben entschied. Um weitere Spots auszuprobieren, um die Liebgewonnen weiterhin surfen zu können, um ‚meinen‘ Warung, wo man sich seine persönliche Reis-mit-Scheiß-Kombination zu unschlagbar günstigen Preisen zusammenstellen kann, nicht missen zu müssen.
Tag für Tag schnallte ich mein Brett auf den gemieteten rödeligen Roller und fuhr los: Nach Bingin, einem schönen Ort direkt an der Steilküste, dessen Surfspot stets überfüllt war. Nach Dreamland, wohin mich der Weg durch kilometerlange Golfgebiete führte. Nach Balangan, wo ich beim Warten auf Wellen Rifffische im glasklaren Wasser beobachten konnte. Nach Uluwatu, wo man durch eine Höhle gehen und durch eine Felsspalte paddeln muss, um zu den Wellen zu kommen. Nach Green Bowl, wo auch an kleinen Tagen große Wellen brechen und man eine endlose steile Treppe durch einen Wald runterstiefeln muss, um den Strand zu erreichen. Und zu guter Letzt habe ich mich auch noch getraut, einen Spot zu surfen, der nicht umsonst ‚Impossibles‘ heißt und mit wahnsinnig sauberen Sets und wahnsinnig wenig Wasser über dem Riff aufwarten soll. So impossible war Wellenreiten dort (an dem Tag) nicht, aber das Riff verlangt durchaus eine gewisse Expertise im Fallen. Aber wenn ich was kann, dann Fallen. Und Paddeln.
Die Fahrten zu den Spots habe ich fast so sehr genossen wie das Surfen selbst. Zum einen, weil Scootern auf Bali schockt. Rollerfahrer sind die Opportunisten im Straßenverkehr: Fahren wie es einem passt und wo Platz ist, rechts und links im Zickzack die Autos überholen, die im Stau stehen und dabei den kühlen Fahrtwind spüren. Zum anderen, weil die Straßen auf der Bukit so schön sind. Sie schlängeln sich auf und ab durch kleinere und größere Dörfer, in denen der Geruch von Räucherstäbchen in der Luft liegt, durch die unglaublich grüne, dicht wuchernde Vegetation, vorbei an vielen frei herumlaufenden Kühen, Hühnern und vorbei an Warungs, in denen Kessel und Pfannen dampfen und den Duft von frischem Essen verströmen. Auch wenn sich touristisch in den letzten fünf Jahren viel getan hat, wirkt es dort noch größtenteils ursprünglich.
Meine Freizeit (= surffreie Zeit) habe ich zu ungefähr gleichen Teilen alleine und mit Reisebekanntschaften verbracht. In den Homestays und über’s Couchsurfen habe ich viele spannende Menschen kennengelernt. Besonders interessant ist es stets, herauszufinden, wie es andere einrichten, lange unterwegs sein zu können. Gleich zu Beginn lernte ich Fabian kennen, einen der letzten Berufsfischer auf dem Bodensee, der einmal im Jahr nach Bali kommt. Er gab mir den Tipp, die Bukit-Halbinsel als Ziel auf Bali in Betracht zu ziehen. Danke für diesen wertvollen Tipp! Dustin hat mir das erste richtige Bier seit meiner Abschiedsfeier in Schland spendiert. Viel gelacht habe ich mit Marcy und Andrew aus den USA, temporäre Aussteiger, die in zwei Jahren von Südkorea nach Spanien reisen wollen. Weil das einfach so viel zu einfach wäre, reisen die beiden mit dem Rad. Mit Flo – Pilot auf Teilzeit bei der Lufthansa – und Dave – Hausbesetzer aus Berlin – habe ich über’s Reisen und das Leben geredet sowie beim Sonnenuntergang in Uluwatu diniert. Dave riet mir, meine länger, wilder und blonder werdenden Haare nicht schneiden zu lassen und sie nach der Rückkehr in Deutschland „wie eine Krone zu tragen“. Dieter wurde während des Urlaubs gekündigt und er beschloss einfach, in Indonesien zu bleiben bis ihm das Geld ausgeht. Mit ihm habe ich regelmäßig gepaddelt und auf Wellen gewartet, im Warung gegessen und Kuta besucht. Chelsea und Kung, ehemalige Fernsehmenschen und Musiker, gehört das Homestay in Ungasan, die beiden sind äußerst (gast-) freundlich, großzügig und sympathisch, stets an den Reisen und Sorgen ihrer Gäste interessiert und bereit zum Gedankenaustausch. Rio hat mich nicht nur auf seiner Couch (auch in Ungasan, wie praktisch!) surfen lassen, sondern auch meinen Roller repariert und sich selbst als ich nicht mehr bei ihm wohnte mit mir zu Reis mit Scheiß und einem Smoothie getroffen. Nina hat ihre Eigentumswohnung in Helsinki vermietet, fast alle anderen Besitztümer verkauft und reist einfach der Nase nach. Sie hat mich zu meinem ersten touristischen Akt auf Bali überredet: den Besuch eines Tempels an der Steilküste nahe Uluwatu. Kurz darauf bin ich auch noch nach Ubud gefahren. Das hatte mehrere Gründe: Ich fahre unheimlich gerne Roller, viele rieten mir zum Besuch dieses Ortes und – besonders wichtig – es war dort gerade einer meiner besten Freunde, der sich kurz zuvor auf Bali mit seiner Freundin verlobte. Die beiden Süßis hießen mich für eine Nacht in ihrem Luxusbungalow mit Veranda, Pool und Blick auf Tal mit Fluss und Dschungel willkommen. Dort ließen wir es bei pochierten Eiern mit Lachs, Dreiuhrtee, Crêpes mit karamellisierter Kokosraspelfüllung und Arschbomben in den Pool etwas dekadenter angehen. Ubud ging in dieser Zeit im Regen unter, außer kleinen Spaziergängen durch das touristisch-charismatisch-pittoreske Zentrum und einem Luwak Kopi war nicht viel drin. Egal. Schön war’s im Luxus!
Dann habe ich Abschied genommen. Wieder. Geht mir nahe. Eine letzte Rollertour, ein letzter Surf mit Dieter, ein Mal noch zum Warung mit Rio und dann zum Flughafen. Bali hat sich gelohnt. Nach vier anstrengenden Wochen auf Sri Lanka war mir Südostasien light auf Bali willkommen. Bin brauner geworden, habe meinen ersten Airdrop fabriziert, meinen Take-off verbessert, bin Wellen in Größenordnungen gesurft wie ich es  mir im Vorfeld nicht zugetraut hätte und meine Gesundheit präsentiert sich wiederhergestellt.
Nachdem Ärgernisse mit dem nächsten Visum geklärt sind, bin ich bereit für die Weiterreise. Ich werde die Adventszeit, Weihnachten und Silvester in Neuseeland verbringen. Ich werde wwoofen, wandern, hoffentlich auch Paddeln und auf Wellen warten, bestimmt dies und das machen und erleben. Und ich werde weiterhin berichten. Jetzt werde ich aber erstmal Pommes essen. Mein Tischnachbar hat welche übriggelassen. 

Meine treuen Begleiter – rödeliger Roller und Surfbrett – vor der Wooden Loft, in der ich fast zwei Wochen residierte.

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