Hausgemeinschaft mit Wissenschaftler

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 9

Richards Blacks Anwesen liegt auf einem dieser sanft geschwungenen Hügel Neuseelands – man könnte vielleicht aber auch schon von einem Bergkamm sprechen -, hinter denen man stets Hobbiton vermutet. Und pummelige Hobbits, die ihre Gemüsefelder bewirtschaften:

Hobbits love peace and quiet and good tilled earth: A well ordered and well-farmed countryside was their favorite haunt.  

J.R.R. Tolkien – Lord of the Rings I

Der Weg zum Haus führt durch einen Wald aus Pinien, vereinzelten Palmen, Eichen, Gingkos, Bäumen, die ich nicht kenne und Redwood Mammutbäumen, die Richards Eltern vor 70 Jahren aus Kalifornien mitbrachten und die im milden Klima an der Ostküste prächtig gedeihen. Es duftet nach würzigem Harz und jungen Blättern. Der olfaktorische erste Eindruck des Grundstücks ist gut – was man vom Haus nicht uneingeschränkt behaupten kann. Richard hat es vor 30 Jahren gekauft, lange vermietet, noch länger nichts renoviert oder repariert und erst vor einigen Monaten beschlossen, es wieder herzurichten. Samt Grundstück mit Pool und Tennisplatz, alles derzeit im Dickicht kaum auffindbar. Im dem alten, großen – es hat Flügel und drei Wohnzimmer – Haus vermischen sich die Gerüche: Es riecht nach Staub, Spinnweben, alten Vorhängen, Feuchtigkeit, nach vergangenem Leben. Aber auch nach neuem Leben: Frischem Essen, Reinigungsmitteln, Staubsaugen und gerade gepflückten Orangen und Zitronen.
Da Richard ein Paradebeispiel eines alleinstehenden Wissenschaftlers abgibt – ein wenig verplant, herzensgut, aber umständlich im Umgang mit anderen und ständig von der nächsten Deadline unter Druck gesetzt – hat er selbst nicht die Kapazität, das Projekt alleine anzugehen. Er beschloss daher, ein Wwoofing-und-airbnb-Experiment zu wagen und öffnete sein Haus sowohl für zahlende Gäste als auch für Freiwillige, die für einige Stunden Arbeit am Tag mit Essen und einer Schlafgelegenheit versorgt werden. Mit dem Ansturm des jüngsten Abitur-Jahrgangs aus Deutschland verlor er allerdings ein wenig den Überblick und so kam es, dass neun Wwoofer bei ihm lebten als ich ankam. Alles Deutsche. Alle 18 Jahre jung. Plus vier Airbnb-Gäste. Ohne Plan. In der Küche regierte das Chaos, weil jeder für sich kochte, es gab nicht genug Betten für alle, es gab zwar viel zu tun, aber keine klare Aufgabenverteilung und über allem schwebt Richard. Im Spagat zwischen seinem Arbeitgeber im Silicon Valley und seinem Hausprojekt in Neuseeland. Zwischen Telefonkonferenzen mit der NASA (sein Arbeitgeber kooperiert mit der NASA und der Stanford University, um einen Beitrag zur Verbesserung der Hitzeschutzschilde der Mars-Sonden zu leisten) und dem Wunsch, sein Elternhaus so schnell wie möglich in einen akzeptablen Zustand zu versetzen.
In dieser Situation kam er auf mich zu und bat mich, den Überblick zu behalten, Aufgaben zu verteilen und darauf zu achten, dass alles läuft. Irgendwie. Herausforderung an den Pädagogen und Hausmann in mir. Trigger-Punkte. Ich war auf einmal hochmotiviert und habe einen Plan erstellt, der festlegt, wer wann für alle kocht und für ein wenig Ordnung in der Küche verantwortlich ist. Ich habe die Inhalte der Kühlschränke sortiert, einen Überblick über vorhandenenes Inventar gewonnen, gehe fast jeden Tag einkaufen und verteile je nach Wetter und Priorität die Aufgaben. Bisher läuft’s, die Stimmung ist gut, die Dinners sind fantastisch und am sowie im Haus haben wir auch schon einiges geschafft. Neben meiner Funktion als Supervisor war ich schon als Gärtner, Maler, Innenausstatter, Reinigungsfachkraft, Lagerist und Dachdecker tätig. Richard kommt ab und an hinter seinen Bildschirmen hervor, nimmt an den Mahlzeiten teil, drückt seine Zufriedenheit und Dankbarkeit aus, muss aber zumeist recht bald wieder an seine Deadlines denken.
Die Tage vergehen schnell: Anfangs versuchte ich vergeblich am Tropenrythmus festzuhalten und um sechs aufzustehen. Zu gemütlich ist es unter der Decke, wenn die kühle, frische Morgenluft durch’s offene Fenster weht. Aber auch wenn ich etwas später mit dem ersten Kaffee auf der Veranda sitze und die Sonne über die Baumkronen scheint, habe ich noch einen schönen Moment herrliche Ruhe bevor die Hausgemeinschaft munter wird. Nach dem Frühstück geht jeder im eigenen Tempo die von mir verteilten Aufgaben an, zwischendurch gibt es Lunch mit Resten, frischen Pancakes oder selbstgebackenem Brot, nach der Arbeit ist Zeit zum Lesen, Workouten, Sonnen, Karten spielen, kleine Spaziergänge oder Baden – zum nächsten Strand an der Poverty Bay läuft man eine halbe Stunde.
Hin und wieder gibt’s weitere Ablenkung: Ein Besuch des Farmer’s Market, ein abendliches Feuer am Strand mit Marshmellows, eine Wanderung zum höchsten Punkt des Bergkammes und für mich nach über einer Woche den ersten Surf. Das Wasser war kalt, es war windig und bewölkt, die Wellen waren verblasen und mein Tropen-Surfwachs war steinhart und bot keinerlei Halt. Aber ich war surfen!
So weitergehen kann’s aber nicht. Viele meiner Gedanken kreisten in der vergangenen Woche um die Planung meines weiteren Aufenthaltes in diesem schönen Land. Soll ich mir bezahlte Arbeit suchen? Und wo? Soll ich mir ein Auto kaufen, um herumzukommen? Oder weiterhin auf Öffis setzen und auf Trampmöglichkeiten hoffen? Wie verläuft der Pflanz- und Ernterythmus hier? Wie lange soll ich bei Richard bleiben? Er scheint meine Bemühungen zu schätzen und zu brauchen. Könnte ich ein Auto, wenn ich es denn kaufte, gut wieder loswerden? Will ich nur surfen oder auch wandern oder so? Soll ich mir die Hobbiton-Filmkulisse ansehen? Wie möchte ich Weihnachten und Silvester verbringen? Alleine am Strand mit einem Weihnachtsbaum aus Treibgut? Ich arbeite an den Antworten auf alle diese Fragen. Gleichzeitig. Sollten irgendwann Entscheidungen gefällt werden, wird sich hier einiges für mich ändern. Falls nicht werde ich Butler im Hause Black. 

Das Haus liegt an einem wunderschönen abgelegenen Ort inmitten einer Art wilden Parks.

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