Projekt Aufbruch

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 10

Mein ’neues‘ Auto klappert an allen Ecken, ist schon 350.000 Kilometer gefahren, hat viele Beulen, keine Klima, die Decke hat keine Verkleidung, der Außenspiegel ist gesprungen und verschiedene Lackschichten hat die Sonne bereits weggebrannt. Aber es hat TÜV, Zentralverriegelung, ist für sechs Monate registriert, bringt mich zum Strand, mein Surfbrett passt rein und vor allem: Es ist meins. Genau wie mein ’neuer‘ Neoprenanzug: Ein einziger Flicken mit – Zitat der Frau im Surfshop – ‚air conditioning‘, also mit großen Löchern. Für vier Wochen Sommer in Neuseeland locker gut genug. Und bezahlbar. Genau wie das Auto.
Mein neues Secondhandleben gefällt mir und hilft mir, die Wwoofing-Phase hinter mir zu lassen. Dank dieser Errungenschaften konnte ich den vierten Advent am Strand verbringen, hatte zwei Surfs bei ordentlichen Bedingungen und habe in der Lunchpause weiter ‚Lord of the Rings‘ gelesen. Die Eiseskälte, der Frodo und seine Gefährten auf dem Weg nach Mordor ausgesetzt sind, kommt einem bei 25 Grad in der Mittagssonne am Strand von Wainui gar nicht so schlimm vor. Weihnachten kommt mir so aber auch überhaupt nicht weihnachtlich vor. Glühwein, Lichterketten, Lebkuchen, Geschenke, Festtagsgans, Kerzen, lange Abende vor dem Kamin und vor allem Weihnachtsmusik – gestern auf dem Farmer’s Market hat ein Chor weihnachtliche Lieder gesungen, die Zuhörer trugen kurze Hosen und Flip Flops – erscheinen mir derzeit geradezu grotesk. Immerhin habe ich für die Weihnachtstage mittlerweile sogar sowas wie Pläne. Und das eine Woche im Voraus. Option 1: Mit dem Auto auf der Mahia-Halbinsel campen und mir vom Pazifik schöne Wellen schenken lassen. Option 2: Um den Lake Waikaremoana wandern. Die finale Entscheidung hängt von Wetter und Welle ab. Nach so langer Zeit mit so vielen Menschen in einem Haus brauche ich mal ein paar Tage Einsamkeit. Um in mich zu gehen. Um mal wieder mehr zu lesen, keinen Haushalt mit zehn Leuten managen zu müssen und um an die Heimat und die Familie zu denken.
Manche der offenen Fragen konnte ich also klären, alle aber noch längst nicht. Und es kamen wieder neue hinzu. Sie betreffen unter anderem die Reiseplanungen nach meinem Aufenthalt in Neuseeland und hauptsächlich geht es wieder mal darum, wie und ob ich mit meinem Geld über die Runden komme. Oder wie ich es ausgeben möchte. Und außerdem wie ich die Auto-Freiheit nutzen möchte. Ich weiß es leider nicht so recht. Theoretisch könnte ich hier gut ein paar Dollars verdienen – die Jobsuche war bisher allerdings fruchtlos. Durch’s Wwoofen bei Richard spare ich immerhin täglich ein bisschen, habe genug Zeit zum Surfen und endlich ein Auto, um die Wellen aufzusuchen – es könnte also schlimmer sein. Es könnte aber auch abwechslungsreicher sein.
So viele tolle Dinge reizen mich: Die ‚most windy streets in the world‘ – Zitat junger Mann, mit dem ich mich im Thermalbad unterhalten habe – befahren, den ‚Schicksalsberg‘ im Tongariro National Park besteigen, mit ’nem Mountainbike durch Regenwälder oder mit Gummibooten durch Stromschnellen in Felsspalten schüsseln. Aber ich weiß nicht so recht. Eine mehrtägige Aktivität würde mein Wwoofing-Erspartes direkt pulverisieren. Neuseeland ist teuer. In Gedanken schiebe ich verschiedene Versatzstücke meiner Reise hin und her, klebe Preisschilder, wäge ab und versuche nebenbei meine Zeit hier zu genießen. Das gelingt ganz gut – ist auch nicht schwierig.
Es ist meistens mein Lieblingswetter: Tagsüber warm und trocken, nachts kühl, die Surfspots liegen vor der Tür, ich lebe an einem tollen Ort umgeben von fantastischer Natur, die Arbeit bei Richard bereitet mir meistens Freude und hält mich auf Trab: Ich versuche weiterhin, aktuelle und kommende Arbeiten, Aufgaben und die Einkaufsliste im Blick zu behalten, erledige alles – vom TÜV- bis zum Bankbesuch – für Richard in der Stadt und packe hier und da mit an. Fälle Bäume. Grabe alte Gewächshäuser aus. Koche. Schleife Fensterrahmen ab. Und fahre wieder in die Stadt, um mehr Schleifpapier zu besorgen. Und Quinoa für Richard.
Die Hausgemeinschaft ist zusammengewachsen, man kümmert sich umeinander. Drei Mahlzeiten täglich essen wir zusammen und fast jedes Mal findet sich jemand, der für alle kocht, backt oder Reste aufwärmt. Es gibt Porridge mit Bananen, Kiwis und Kokosraspel, Pancakes mit Schokohaselnusscreme und Hokey-Pokey-Eiscreme, French Toast, selbstgebackenes Brot mit selbstgemachtem Frischkäse, Vanillekipferl, Zitronenkuchen, Couscous mit Orangensoße und immer viel frisches Gemüse zum Dinner. Unsere Eltern wären stolz auf uns. Das Haus verändert sich Stück für Stück. Wir stellen Möbel um, räumen auf, arrangieren, haben eine Weihnachtspinie installiert und geschmückt, dekorieren, putzen, waschen und versuchen die etablierte Ordnung so gut es geht aufrechtzuerhalten.
Und auch für Ablenkung ist gesorgt: Es gab Chaos während eines zweitägigen Stromausfall nachdem ein Agrarflugzeug in eine Hauptstromleitung geflogen ist, einen kalten stromfreien Abend haben wir bei Kaminfeuer und Kerzenschein zusammengesessen, wir haben in heißen Quellen gebadet, sind durch den Regenwald spaziert und ich habe die Truppe zu Strandausflügen motiviert. Natürlich nicht ganz uneigennützig.
Nach zwei Wochen bricht die Gemeinschaft nun auseinander. Medea, Louisa, Julia und Ann-Christin reisen zur nächsten Wwoofing-Gelegenheit und ich weiß wieder mal nicht so recht. Alleine werde ich bei Richard nicht sein: Sarah und Thea bleiben noch ein paar Tage,  Arne und Steffen – frisch abiturierte Deutsche, was sonst? – sind die neuen Trainees und morgen kommen noch Amerikaner. Die kommen mir gerade wie Eindringlinge vor, die unser trautes Miteinander böswillig unterminieren wollen. Ist natürlich Quatsch, aber ich merke, dass mein Haltbarkeitsdatum hier bald abläuft. Ich bleibe noch ein paar Tage, mache Work’n’surf, genieße meinen Morgenkaffee auf der Veranda, diniere mit den ‚Kinnings‘ – so nenne ich meine Mit-Wwoofer liebevoll -, bringe Richards Gemüsebeet auf Vordermann und halte ihm den Rücken frei für lange Telefonkonferenzen mit der NASA.
Dann beginnt die zweite Phase meines Aufenthalts in Neuseeland, die trotz vieler Unsicherheiten langsam Form annimmt: Nach der selbstgewählten weihnachtlichen Einsamkeit mache ich eine Arschbombe ins Leben: Beim Rythm’n’Vines-Festival werde ich arbeiten und das neue Jahr als einer der ersten auf der Welt begrüßen. Danach mache ich mich auf den Weg nach Wellington, wo ich mein Auto an Medea und Louisa übergebe bevor ich mit einem ’scenic train‘ zurück nach Auckland fahre. Auf dem Weg nach Wellington möchte ich schöne Dinge unternehmen. Was das sein wird, weiß ich aber noch nicht so recht. Hauptsache es passiert was. Und es wird was passieren. Und dabei werden Richard, sein Haushalt und sein Anwesen keine große Rolle mehr spielen. 

Es hat nicht viel, aber es hat einen Heckspoiler: mein ’neues‘ Auto

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