Alleine aber nicht einsam

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 11/12

Zweiter Weihnachtsfeiertag, morgens halb neun am Spot. Noch ein wenig müde schaue ich den Wellen zu. Esse einen ungetoasteten Toast mit Haselnussschokocreme. Zucker fürs System. Kaffeeersatz. Die Sonne scheint, das Gras, auf dem ich stehe, ist noch kühl. Neben mir puhlt sich ein Opa mit weißem Schnauzbart in seinen Neo. Auf einmal ruft er mir zu: „LOOK! OVER THERE!“ Zeigt dabei in die Richtung in die ich schauen soll. Ich tue wie mir geheißen und blicke in Erwartung einer traumhaft schönen Welle ins Line-up. Wundere mich, denn dort bricht gerade nur eine durchschnittlich schöne Welle. Ich habe Zeit und schaue genauer hin und sehe, worauf der Schnauzbart zeigt: Zwei schwarze Finnen schneiden gemächlich durch die Wasseroberfläche. Genau dort, wo ich vorhatte, auf Wellen zu warten. Dann tauchen weitere Finnen auf.
„What’s that?“, frage ich den Schnauzbart.
„Killer whales. Let them pass.“
„Are they harmless?“
„Yeah. Pretty much. They’re searching for stingrays.“
„Here are stingrays as well then?“
„Yeah. And sharks. Sharks everywhere.“
„What kind of sharks?“
„All kind of sharks.“
Der Schnauzbart weiß wie man das Line-up leert. Er fügt aber noch hinzu, dass er hier schon seit 50 Jahren surft und erst ganz selten Haie gesehen hat. Dann setzt er seinen Helm auf, klemmt sich sein Brett unter den Arm, springt ins Meer und paddelt raus. Ich warte vorsichtshalber noch zehn Minuten, ob er attackiert wird. Als nichts passiert, folge ich ihm ins Wasser. Fühle mich unbehaglich. Eine halbe Stunde später sitzen schon fünf Surfer im Line-up, ich fühle mich sicherer, denn die Gefahr teilt sich auf uns robbenähnliche Wasserkreaturen auf. Ich werde selbstbewusster, erwische ein paar nette Wellen, ziehe mich um, frühstücke auf der Motorhaube und mache mich auf den Weg zum Lake Waikaremoana. So habe ich mir die autobasierte Weihnachtsfreiheit vorgestellt.
Heiligabend habe ich nach einigen weiteren vollgepackten Tagen – Stichwort Work’n’surf – meinen Wwoofing-Aufenthalt bei Richard beendet, seinen verschütteten, zugewucherten Kompost habe ich nach archäologischer Manier aber noch am Morgen des heiligen Abends freigelegt. Dann bin ich endlich aufgebrochen, um auf der Mahia-Halbinsel nach Wellen zu suchen. Ich wurde fündig. Und die Sonne schien. An einem Strand mit dem Namen ‚Oraka‘ entdeckte ich im Anschluss eine Rasenfläche, wo ich das Auto parkte. Am Strand sammelte ich Treibgut, um mir daraus einen abstrakten Weihnachtsbaum zu bauen – moderne Kunst. Das war die Idee. Das Ergebnis sah mehr aus wie ein Lagerfeuer, einige Teelichte brachten immerhin etwas von weihnachtlicher Gemütlichkeit ins Spiel.
Ich saß vor meinem Lagerfeuerbaum und sinnierte – wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich war von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt und fühlte mich vereint mit irgendwie allem. Ich war dankbar für die Möglichkeit, an Heiligabend mit dem eigenen Auto in Neuseeland Wellen zu jagen und danach in Gedanken bei Familie und Freunden in der Heimat zu sein. Dankbar für alles, was mir während der Reise schon passiert oder auch nicht passiert ist. Dankbar für das ungetoastete Toastbrot mit Erdnussbutter und die frisch gepflückte Mandarine, die mein Festmahl darstellten. Dankbar für das Rauschen des Meeres und den famosen Sternenhimmel, den ich vor dem Einschlafen durch das Rückfenster meines Campingautos betrachtete. Ich schlief wunderbar und begab mich am nächsten Morgen wieder auf die Suche nach Wellen. Ich fand zwar welche, aber der Surf hat keinen Spaß gemacht. Immerhin werde ich noch am Strand von einer Maori-Familie auf ein Sandwich und später von einem Briten auf ein Bier eingeladen. Alleinreisende scheinen zu Weihnachten das Mitleid und die Großzügigkeit anderer auf sich zu ziehen. Könnte schlimmer sein.
Dann falle ich jedoch in ein Loch aus Müdigkeit, Anriebslosigkeit und Heimweh. Plötzlich und heftig. Vieles, wofür ich am Abend zuvor noch so dankbar war, erscheint mir jetzt sinnlos und dämlich. Ich quäle mich zum Spot, in den Neo, ins Wasser. Der Surf ist spitze und die Stimmung dreht sich um 180 Grad. Manchmal muss man sich zu seinem Glück zwingen. Das Mittagstief erkläre ich mir mit Kaffeeentzug. Da hilft es nur, den Pegel an ungetoastetem Toastbrot mit Haselnussschokocreme im System konstant hochzuhalten. Kein Problem, bin während meiner Reise ein großer Fan von Toastbrot geworden, denn es ist billig, lecker und mindestens so vielseitig wie Reis.
Abends reizt es mich, auf einem der Campingplätze zu campen, wo viele Neuseeländer ihre Weihnachtstage verbringen, ich bleibe meiner Linie aber treu und kehre zur bereits bekannten Rasenfläche zurück, wo sonst keiner ist und stöbere ein wenig in meiner Bibliothek bevor ich mich bette.
Der Höhepunkt des mehrtägigen Ausflugs in die Welt, in der es reicht, täglich einige wenige Sätze zu sprechen, ist die Wanderung am Lake Waikaremoana am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertages. Ich bewältige die neun Kilometer der ersten Etappe des ‚Great Walk of New Zealand‘ durch nativen Regenwald, die mich auf die Panekire-Steilküste führen, von wo aus überwältigende Ausblicke auf den See und die ihn umgebenden Hügel dazu anhalten, Pausen zu machen, das Panorama zu genießen und die Stille bewusst wahrzunehmen. Ich höre nur Vögel, meine Schritte und Atmung. Es begegnen mir so gut wie keine anderen Wanderer, denn ich bin spät dran.
Nach jeder Etappe wartet eine Hütte auf die Wanderer, zum entspannen, essen und plaudern. Darin sind auch ‚bunk beds‘, was übersetzt wohl soviel wie ‚kleiner Raum mit so vielen Betten wie möglich‘ meint, die dann für 25$ pro Nacht vermietet werden. Trotz der reizlosen Aussicht auf eine Nacht mit Dutzenden von furzenden und schnarchenden Mitwanderern in nächster Nähe sind die Hütten immer weit im Voraus ausgebucht. Ich muss also umkehren. War auch so geplant. Weitere zweieinhalb Stunden lang Schritt für Schritt für Schritt zurück durch den Regenwald. Im oberen Bereich ist er wenig grün, eher grau, stark vermoost, die Bäume sehen aus wie verkrustete, gespenstisch verfilzte Mooskreaturen, die Luft ist frisch, Nebel verdichtet die Szenerie, filmreif. Weiter unten wird der Wald buschiger, grüner, vielfältiger, lichter, der Weg aber bleibt anspruchsvoll. Meine Beine scheinen von selbst zu laufen und Scharen von Gedankenfetzen treiben sich in meinem Gehirn herum. Zusammenhangslos. Mein Gehirn versucht, sie auf die Meta-Ebene zu locken, um sie da zu bündeln und einzusperren. Aber die Gedanken flüchten ins Unterbewusstsein. Ich höre meine Schritte wieder und das Pochen meines Herzschlag im Ohr. Aber schon bald trauen sich die Gedankenfetzen wieder hervor und okkupieren meine Aufmerksamkeit. Ich lasse sie gewähren. Irgendwann werden sie müde – wie der Rest meines Körpers. Eine Surfsession und 18 anspruchsvolle Wanderkilometer an einem Tag lassen selbst meine Beine vor Erschöpfung zittern. Ich wanke zum Wagen, esse Toastbrot mit was aus einer Dose und eine Nacht später ohne Menschen um mich beende ich das Kapitel meiner besinnlichen Weihnacht. Das nächste wird lauter.  

Bei dem Ausblick kommen selbst pragmatische Norddeutsche ins Schwärmen

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