Arschbombe ins Leben 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 13

Es ist kurz vor Mitternacht, Silvester, ich stehe in einem Kühlschrank und stelle jede Menge Biers in die Regale. Regale, Biers und Kühlschrank gehören zu einer Bar, genauer: zur Bar im VIP-Bereich des Rythm&Vines-Festivals in Gisborne. Nach den allein verbrachten Tagen auf der Mahia-Halbinsel und am Lake Waikaremoana bin ich wieder nach Gisborne zurückgekehrt, denn ich wurde dazu auserwählt, als Volunteer beim größten Festival Neuseelands zu arbeiten. Als Gegenleistung erhalte ich den Preis des Tickets zurückerstattet.
Zwei Tage vor dem Beginn der dreitägigen Silvestersause kamen alle Volunteers zu einem Meeting zusammen, die Sonne schien, die Stimmung war gut und bald hatte ich meine erste Aufgabe: Recycling-Schilder mit Panzertape auf Mülltonnen kleben. Vorschau auf den Schwierigkeitsgrad meiner kommenden Aufgaben. Bevor es richtig losging bin ich aber noch mal zu Richard, um ihm und dem einzigen verbleibenden Wwoofer ein wenig unter die Arme zu greifen und in Ruhe ein paar Dinge meiner Reise zu planen.
Dann begann das Festival. Meine Aufgabe als Volunteer bestand darin, sechs Stunden täglich beim Phone Charging auszuhelfen. Telefon annehmen, Kabel drumherumwickeln, Stecker einstecken, kontrollieren, ob es lädt und dann das nächste. Und Leuten ihre geladenen Telefone aushändigen. Zum Glück hat man meine außerordentlichen Qualitäten schnell erkannt und mir weitere Aufgaben besorgt: Ich durfte das Festivalgelände von Müll befreien, herumliegende Gesteinsbrocken beseitigen und biertransportierende Gabelstapler eskortieren. Zu Fuß natürlich. In meiner Freizeit bin ich zum Surfen an den Strand gefahren. Leider war es extrem windig, sodass der solide Swell beinahe unbrauchbar wurde. Immerhin schien meistens die Sonne. Die erste Nacht habe ich im Auto auf dem Parkplatz des Festivals genächtigt, für die Zweite habe ich mir einen ruhigen Platz am Strand gesucht, wo ich morgens in der Sonne frühstückte bevor es zum finalen Festivaltag ging.
Ich habe meine Beziehungen spielen lassen und wurde als Volunteer in den VIP-Bereich upgegradet, wo ich dann aber im Kühlschrank landete, um Biers in Regale zu räumen. Immerhin konnte ich die Musik hören, wenn die Bartender die Kühlschranktür in Richtung Bar öffneten, um Biers rauszuholen. Und kurz vor Mitternacht hatte ich Feierabend und habe mit Hilfe von Volunteer-Kollegen unter dem Barpersonal ein paar Drinks entwendet, um mit was Anständigem anstoßen zu können.
Der VIP-Bereich des Festivals hat den Vorteil, auf einem dieser sanft geschwungenen Hügel zu liegen, hinter denen man immer Hobbiton vermutet. Von dort hat man einen spitzenmäßigen Blick auf die feiernde Masse und das Feuerwerk. Und mit einem Freigetränk macht es gleich noch mehr Spaß, Betrunkenen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, über den Zaun in den VIP-Bereich zu klettern, weil die Schlange am Tresen dort nicht so lang ist wie sonst überall. Da ich ungern über Gebühr prätentiös bin, habe ich meinen Standort aber bald aufgegeben, um mit ein paar Co-Volunteers über das Gelände zu streunen, eine Pommes zu essen und zum DJ-Set von Hot Chip abzuzappeln.
In den frühen Morgenstunden war ich mit Patrick und Mel am Strand zum ersten Sonnenaufgang des neuen Jahres verabredet. Patrick und Mel sind die beiden Amerikaner, die ich noch vor zwei Wochen als Eindringlinge in ‚meine‘ Welt bei Richard wahrnahm. Mittlerweile sind sie Freunde geworden, – nicht nur Reisebekanntschaften – und sie schließen sich meinem Roadtrip nach Wellington an, der nach dem Sonnenaufgang und einem Abschiedsbesuch – schon wieder Abschiede! – bei Richard beginnen soll.
Der Sonnenaufgang selbst war hammermäßig: Wir haben uns zu ein paar Franzosen ans Lagerfeuer gesellt und schauten gen Osten. Ab vier Uhr morgens wurde es hell, beziehungsweise farbig, denn die Sonne hat die Schleierwolken feurig erleuchtet. Kurz vor Sonnenaufgang scheint der Himmel in Brand zu stehen. Die hellen Strahlen der aufgegangenen Sonne nehmen dem Schauspiel kurz darauf die Dramatik, das Feuer erlischt und wir genießen die Wärme der Sonne bevor wir uns auf den Weg zu Richard machen.
Arne und Steffen, vor zwei Wochen noch Trainees, jetzt Teil Richards Wwoofing-Familie, kommen gleichzeitig zum Verabschieden mit uns an, Richard strahlt über beide Ohren, lädt uns zum Lunch ein, kündigt spontane Airbnb-Gäste an und sofort ist es wie es immer war: Wir saugen schnell Staub, beziehen Betten, schneiden Gemüse, kochen, lunchen und waschen zusammen ab. Es ist lebhaft, lebenswert, Richard macht viele Fotos, wir schieben den Abschied vor uns her, füllen unsere Vorräte mit Richards Avocados, Orangen und Mandarinen auf, ich gieße noch mal das Gemüsebeet, irgendwann gehen wir aber tatächlich, Tagesziel ist ein Wasserfall zwischen Gisborne und Wairoa, den man angeblich runterrutschen kann. Keine weite Strecke, wir sind alle fertig. Richard bittet mich, irgendwann nach Neuseeland, nach Gisborne, zu ihm zurückzukommen. Ich hoffe, dieser Bitte nachkommen zu können. Irgendwann. Dann fahre ich vorerst zum letzten Mal von seinem Anwesen. Es duftet nach würzigem Harz und frischen Blättern. Der olfaktorische letzte Eindruck des Anwesens ist gut. Ich kurbele die Scheibe runter, hänge meinen Arm aus dem Fenster, schaue nach vorne. Schöne Tage liegen vor mir.

In Gisborne kann man als erster auf der Welt den Sonnenaufgang sehen. Der zu Neujahr war verheißungsvoll. 

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