Roadtrip in die Schlaflosigkeit

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 14

Seit fünf Wochen habe ich meine Haare nicht mehr gewaschen, meine Körperpflege auf das Nötigste reduziert und meine Klamotten stets bis zur Unkenntlichkeit getragen. Wwoof’n’surf hat es möglich und das Leben im Auto nötig gemacht. Erfreulich und überraschend: Es fällt kaum auf. Gehalten und gespült vom Salzwasser geben meine Haare eine bessere Frisur denn je ab, meine Haut schimmert gebräunt und auch Schweißgeruch bleibt überwiegend aus. Dabei habe ich in meiner letzten Woche in Neuseeland alles gegeben, um zu testen, wie weit ich es mit der Minimalhygiene treiben kann und mich mit meinen Ex-wwoofing-Kollegen auf einen knapp einwöchigen Roadtrip vom Neujahrssonnenaufgang in Gisborne zum Sonnenuntergang fünf Tage später in Wellington begeben. Schlafen im Auto, Pinkeln im Stehen, Essen aus Dosen. In Wellington habe ich sogar unter einer Brücke genächtigt – heavy commitment! In dieser Woche gab es zu viel zu genießen, zu viel zu sehen, machen, diskutieren und erleben – und kleinere Störfaktoren -, sodass ein für die WHO oder meine Eltern akzeptables Schlafpensum leider nicht erreicht wurde. Rote Augen, Augenringe und ein trüber Blick vervollständigen den Eindruck des heruntergekommenen Reisenden als ich mit schmerzenden Gliedern, Wehmut und ungetoastetem Toastbrot im Bus zurück nach Auckland sitze.
Der Bus fährt die Route, die Patrick, Mel und ich in den vorherigen Tagen in die entgegengesetzte Richtung bewältigt haben. Ich schaue aus dem Fenster, genieße die ‚Scenic Views‘ auf Berge, Hügel, Küste, Felder und Wälder und lasse die vergangene Woche Revue passieren. Mein Herz wird schwer, denn ich weiß, dass außer Formalitäten in Neuseeland nichts mehr auf mich wartet. Konto schließen, Wäsche waschen, Boardbag sortieren, einchecken, weiterreisen. Die großartigen letzten Tage haben meinem Aufenthalt hier die Krone aufgesetzt und es betrübt mich, schon wieder gehen zu müssen.
Nachdem Arne, Steffen, Patrick, Mel und ich Richard auf Wiedersehen sagten sind wir auf Geheiß von Locals aus Gisborne zu einem Wasserfall irgendwo im Nirgendwo gefahren – aber im Grunde genommen ist in Neuseeland alles irgendwo im Nirgendwo. Als wir an der Stelle stehen, wo das Wasser knapp vier Meter über einen Hinkelstein in die Tiefe fällt, sind wir uns nicht mehr so sicher, ob man das Teil wirklich einfach so auf dem Hintern runterschüsseln kann. In einem Notfall wären unsere Telefone nutzlos weil netzlos und das nächste Element von Zivilisation eine halbe Stunde Schotterpiste entfernt. Wir wagen uns vorbildlich vorsichtig an die Sache ran und versuchen, die Tiefe des tiefer liegenden Wasserbeckens tauchend zu ergründen. Weil uns das nicht gelingt, nehmen wir an, dass es zumindest tief genug für Arschbomben und Bauchklatscher ist. Patrick fasst sich ein Herz und rutscht das Ding runter, taucht wieder auf, strahlt und feiert sich. In der folgenden Stunde probieren wir alle möglichen Rutschwinkel des Wasserfalls und ebenfalls alle möglichen Klippenspringspots aus, die sich rund um das Becken auftun. Von Klippen bin ich zuletzt vor knapp zehn Jahren gesprungen, ich fühle mich wie ein übermütiger Teenager. Adrenalin lässt mich eine Stunde durchhalten bevor ich mich durchgefroren umziehe und meine Hände an einer kofferraumwarmen Flasche Bier wärme. Wir sind die einzigen am Wasserfall, der durch diese Exklusivität an Zauber gewinnt.

Abends carpen wir unter Mammutbäumen an einem plätschernden Wildwasserfluss direkt neben einer steilen Felswand – die Campingplätze Neuseelands sind ebenso beeindruckend wie die Rastplätze der Highways. Wir kochen Nudels mit Flusswasser, trinken Biers und reden über deutsche Literatur, Alpträume, Kindheitserinnerungen und irgendwann krieche ich zwecks Schlafs in die Boardbag. Zu dem Zeitpunkt war ich seit 40 Stunden wach – es war immer noch Neujahrstag – und hatte bereits genug für eine normale Woche erlebt. Aber die Woche ging gerade erst los.
Am nächsten Morgen ziehen wir zeitig weiter, denn Arne und Steffen wollten noch ganz nach Wellington und Patrick, Mel und ich eine Wanderung am Lake Taupo unternehmen. Wir erreichen Taupo nachmittags und schlendern bald darauf entlang eines blau-türkis schimmernden Flusses zu den Huka Falls und wieder zurück. Das Wetter ändert sich tagsüber, es wird bewölkt, windig, ungemütlich. Perfekt für ein Bad in den heißen Quellen, die am Ende des Weges auf uns warten: Dort spucken zwei kleine Wasserfälle heißes Wasser in natürliche Gesteinsbecken, von wo aus es dann in den Fluss überläuft und schnell abkühlt. Saunieren in Neuseeland: Überhitzen in heißen Quellen und zur Abkühlung in den Fluss rausschwimmen. Traumhaft natürlich!
Später am Abend fängt es an zu regnen, wir sitzen im Auto und hören Musik. Patrick und Mel sind leidenschaftliche Musiker und ich freue mich, dass ihnen meine präferierte Musik gefällt. Wir bleiben noch lange wach – länger als es unsere Eltern erlaubt hätten -, denn es gibt so viel gute Musik und so viel dazu zu erzählen. 
Der Regen hält den folgenden Tag an. Da gibt’s nur eines: Morgens wieder in die heißen Quellen steigen, was im diesig-nebligen Regenwetter noch mal an Wirkung gewinnt, danach Frühstück auf einer überdachten Plattform auf einem Spielplatz. Patrick und ich gehen nachmittags trotz des Wetters wandern. Ein enger, matschiger Weg fürt uns durch dichtes, beinahe verwunschen wirkendes Buschwerk auf einen Berg, von dem man normalerweise einen Spitzenblick auf Taupo samt See hat. 

Oben angekommen stehen wir allerdings in einer Wolke. Hat den Vorteil, dass es dort immerhin nicht regnete. Abends müssen wir unsere nasskalten Füße in den heißen Quellen wiederbeleben, wir sind dieses Mal aber besser vorbereitet und haben wettergekühlte Biers dabei. Die Stimmung steigt und wir spielen ‚Cheers to the Governor‘, eigentlich ein Trinkspiel, dass uns aber mehr zu langen Gesprächen über diverses Themen inspiriert. Wir diskutieren, erzählen, philosophieren, trinken, lachen, der Mond geht auf und illumiert den über dem heißen Wasser aufsteigenden Dampf. Ein perfekter Reisemoment. Die Stimmung steigt weiter und zum Glück spendiert noch jemand eine Generalrunde Biers in den Quellen, sodass wir weiterspielen können. Unsere Freundschaft wächst und es ist wieder ganz schön spät als ich in der Boardbag liege. 
Der nächste Morgen bringt die einzige wirkliche Enttäuschung meines Aufenthalts in Neuseeland: Der Wanderweg durch den Tongariro National Park, der als einer der schönsten der Welt gilt, sollte wegen zu viel Wind immer noch nicht angegangen werden und es ist der letzte Tag, an dem ich Zeit dafür hätte. Zwei Sachen hatte ich mir im Vorfeld meines Aufenthaltes in Neuseeland fest vorgenommen: Wellenreiten und diese Wanderung, die mich auf einen erloschenen Vulkan führen sollte, der in den Herr-der-Ringe-Filmen den Schicksalsberg spielt. Fünf Wochen Zeit und ich habe nur 50 Prozent meiner wirklich kurzen To-do-Liste erledigt. Erbärmlich! Temperaturen um den Gefrierpunkt auf den hohen Abschnitten des Trails und das Argument, dass ein Rettungshelikopter wegen der Böen nicht landen könnte, lassen in mir aber die Einsicht reifen, dass es zu meinem Besten ist, meine Liste zu vernachlässigen. Es gibt zum Glück gutes Alternativprogramm: Wir wandern einen 20 Kilometer langen Abschnitt des Great Lake Trails um den Lake Taupo. Angenehm windgeschützt führt der Weg über die Hügel am See durch lichten nativen Busch- und etwas dichteren Farnwald. Wir sind müde, lassen es ruhig angehen, freuen uns über blühenden Flieder, Wicken, Fingerhut und einheimische Pflanzen mit abgefahrenen maorischen Namen, die nach den ersten Sprechversuchen kleiner Kinder klingen und man sich nicht merken kann. Ich versuche es erst gar nicht. 
Wir nächtigen auf dem Parkplatz am Ende des Weges und gehen ausnahmsweise zeitig zu Bett. Mein Körper beschließt jedoch eigenmächtig, an der Schlafdeprivation festzuhalten und packt ein paar fiese Magenkrämpfe aus, die mich wach halten. Der Sack! Ich nehme es ihm nicht übel, denn ich war auch nicht gerade nett zu ihm. Mir geht’s bescheiden am nächsten Morgen und Patrick übernimmt das Steuer zeitweilig für mich. Ich fahre bei Mel mit, denn deren Auto hat ein Radio – Meines hat Keines – und es kommt klassische Roadtrip-Stimmung auf: Viele Stunden Fahrt vor uns, spitzenmäßige Musik, wir sind im Flow, singen mit, tanzen im Sitzen und den Schicksalsberg sehe ich immerhin noch von der Straße aus:

Wir machen ab und an Kaffeetankpausen und erreichen Wellington am frühen Abend, haben noch genug Zeit, um zum Sonnenuntergang zu einem Aussichtspunkt zu fahren, wo ich mit Medea und Louisa zwecks Autoübergabe verabredet war. Um nicht ganz obdachlos darben zu müssen, liehen mir Patrick und Mel ein Zelt, dass ich unter einer Brücke aufschlug, um es vor den Augen des Security-Personals des Parkplatzes zu verstecken, wo der Rest der Reise-Bande in ihren Autos nächtigte. Das gelang. Und hier schließt sich der Kreis meines Berichtes. Mein Kreis über die Nordinsel Neuseelands schließt sich mit der Rückreise nach Auckland. Und mit der Weiterreise nach Samoa zeichne ich den Kreis meiner Weltumrundung weiter. Cheers New Zealand, it’s been the tits! Ich wäre gerne länger geblieben und der Abschied von meinen beiden liebgewonnenen Travelbuddies fällt mir schwer.
Ich danke Richard vielmals, dass er mir durch sein Vertrauen und seine Großherzigkeit eine unglaublich gute erste Wwoofing-Erfahrung beschert hat und ich danke Patrick und Mel, die unschätzbar viel zur Schönheit meiner letzten Wochen beigetragen haben. Dankbar bin ich auch dafür, dass der alte Mazda weitere 2109 Kilometer ohne Probleme für mich auf sich nahm. 
Ich weiß, dass diese Erfahrungen nur schwer zu übertreffen sein werden und deswegen werde ich Samoa bitten, es erst gar nicht zu versuchen. Es wird einfach nur anders. 

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