Noch nicht ganz angekommen 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 15

Kein Windhauch bewegt die Wasseroberfläche, die sich wie Glas unter dem Boot ausbreitet, mit dem ich frühmorgens zum Surfspot geschippert wurde. Auf dem Meeresgrund sind bunte Steine und kuriose Korallen zu erkennen, einige Fische schwimmen umher. Über dem Wasser und dem samoanischen Regenwald steigt Nebel auf, den die Morgensonne farbig erleuchtet. Das vorgelagerte Riff, wo ich zu surfen vorhabe, ist eine Meile vom Strand entfernt und von so weit draußen sieht man auf Upolu – die samoanische Insel auf der ich mich gerade befinde – nur vom Dschungel bedeckte Berge, einige Palmen und den Strand. Ich komme mir vor wie Captain Cook, der gerade Samoa entdeckt. Alles wirkt frisch und unberührt, der Sprung ins Wasser fühlt sich wie eine Entjungferung, fast wie Frevel an. Voller Ehrfurcht paddele ich zu der Welle, die über einer Riffecke bricht. Ich bin alleine am Spot, noch ist das Wasser wärmer als die Luft, was sich bald ändern wird. Der Surf ist klein, aber sauber und ich glaube, mir so den Olymp des Surfens vorstellen zu dürfen. Wenn Götter surfen, würden sie es hier tun.
Der Ort meiner Unterkunft ist nicht weniger schön: Ich nächtige in einer traditionellen samoanischen Fale – einer Art Holzgestell mit Dach, in dem für mich mit einer Matratze und einem Moskitonetz eine Bettstatt zusammengelötet wurde. Die Fale steht direkt am Strand, unter Palmen, nachts kühlt ein frischer Wind meine Stirn und morgens richtet sich mein erster Blick auf türkisblaues Wasser und die Wolken am Horizont. Auch der Strand wird jedem ozeanischem Klischee gerecht: Riesige Palmen beugen sich über den hellgelben Sand und tropische Bäume mit meterdicken Stämmen breiten ihre mächtigen Äste über dem Wasser aus. Einsiedlerkrebse gehen in ihren Eigenheimen spazieren und die Riffe laden zum Schnorcheln ein. Jeder Schnappschuss ist reiseprospektstauglich.
Trotz der erhabenen Schönheit dieses Inselchen im Südpazifik hatte ich große Probleme mit dem Ankommen. Mein Körper hat den Weg zwar geschafft, aber mein Geist und meine Gedanken sind in Neuseeland hängen geblieben. Sie haben sich dem Abschied verweigert, sie wandern und reden immer noch mit Patrick und Mel, wwoofen bei Richard, essen ungetoastetes Toastbrot und schlafen im Auto. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Zu schön war es in Neuseeland und zu wenig Chancen habe ich meinem Geist gegeben, die Erfahrungen zu verarbeiten und sich auf den Abschied vorzubereiten. Dazu kam weiterer Schlafentzug, denn zwischen Neuseeland und Samoa lagen für mich zwei Nächte in irgendwelchen Ecken von Flughäfen und engen Sitzen von Flugzeugen.
Und dann wieder diese elendige tropische Hitze! Müde, uninspiriert, schwitzend und ohne Lust auf menschlichen Umgang wanke ich in den ersten Tagen durch Apia. Mit Leuten zu reden erscheint mir stumpf und sinnlos, wie soll Smalltalk jemals die Gespräche ersetzen, die ich in den letzten Wochen geführt habe? Dass am Anfang einer Freundschaft ein wenig Smalltalk hilfreich sein kann, ist mir egal. Mein Geist ist noch in Neuseeland. Und dass zwischenmenschliche Kontakte dabei helfen können, auf Samoa anzukommen, ist mir auch egal. Ich genieße die Melancholie. Mit der Zeit nimmt die Müdigkeit ab und ich muss Samoa eingestehen, dass es hammerschön ist! Auf Melancholie ist mein System sowieso nicht ausgelegt. Ich gehe schnorcheln und bewundere die Unterwasserwelt, komme mir vor wie in einem Aquarium. Ich wandere den ‚Tomb Trail‘ zum Grab von Robert Louis Stevenson, der seine letzten Jahre auf Samoa verbrachte. Entdecke ein zauberhaftes Café an einem Wildwasserfluss, bade unter Wasserfällen und beginne, zaghafte Pläne zu schmieden. Fahre per Anhalter zu den Fales in Tafatafa, lerne die Offenheit und Gastfreundschaft der Samoaner kennen. Surfe, spanne meine Hängematte zwischen zwei Palmen, lese, hänge meinen Gedanken nach und beobachte spielende Kinder auf dem Strand und die – natürlich spektakulären – Sonnenuntergänge.
Mein Geist ist mir allmählich nach Samoa gefolgt, ich nehme ihn an die Hand und zeige ihm, wie schön es hier ist. Er öffnet langsam seine Augen, staunt, möchte mehr sehen. Aber der Umgang mit anderen Menschen widerstrebt ihm noch. Gut, dass man gerade auf Samoa in der Nebensaison kaum über kontaktfreudige Touristen stolpert. 

Der Strand von Tafatafa ist – wie Samoa – schöner als erwartet

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