Unterwegs in den Misanthropen 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 16

Die Ruhe und Abgeschiedenheit Tafatafas lullt mich ein. Es passiert nicht viel und meine Möglichkeiten sind beschränkt. Ich bin froh, wenn mal keine Regenwolke das mobile Internetz lahmlegt, wenn es länger als ein paar Stunden trocken und sonnig bleibt und wenn ich hin und wieder eine nette Nachricht auf meinem Telefon lesen darf. Meine Tage werden durch Frühstück und Dinner strukturiert, davor oder dazwischen gibt es meistens einen Surf. Nach und vor dem Surfen hänge ich in der Hängematte, lese, denke, schaue gen Horizont und versuche hin und wieder, ein wenig meiner weiteren Reise zu planen.
Der Tag vergeht, viel schaffe ich nicht. Die Hitze bremst mich aus und ich verfalle in einen durchaus angenehmen Zustand der Passivität und lasse meinen Geist treiben. Locals kommen und gehen. Genau wie Ebbe und Flut. Morgen und Abend. Sonne und Regen. Frühstück und Dinner. Irgendwo dazwischen: Ich, der ich mich aus allem rauszuhalten versuche, was als soziale Kontakte bezeichnet werden könnte. Irgendwie habe ich keine Lust auf Menschen und der Umgang mit denen, die mir zwangsläufig begegnen, ist wenig ermunternd, weitere Versuche zu wagen. Ich frage mich, ob es an mir oder den Leuten liegt. Ich weiß es nicht. So koche ich zumeist mein eigenes Süppchen und ziehe mich in meine Gedankenwelt oder die Welt eines Buches zurück. Beantworte höflich die immer gleichen Fragen der Samoaner, halte mich mit Gegenfragen aber zurück. Kläre, was geklärt werden muss. Und ansonsten geht mein Geist spazieren, am liebsten ungestört.
Ich bin wieder im Einklang mit mir – glaube ich jedenfalls – und die temporäre Misanthropie ist keinem Abschiedsschmerz oder sonstigem Leid geschuldet, sondern einfach nur authentisch. So bin ich gerade. Und alles, was ich sonst mit anderen gemacht hätte, kann ich genauso gut alleine machen. Alleine ist man weniger genervt, weniger abhängig und zudem kompromissbefreit.
An den wenigen surffreien Tagen raffe mich auf und fülle die Tage mit touristischem Ersatzprogramm. Trinke Limonade im wunderbaren Home Café in Apia. Wandere zu einem Wasserfall, zum ‚Ma Tree‘ und einen Weg entlang der Küste. Ich bewundere die Vegetation Samoas, die direkt auf schwarzem Lavagestein zu wachsen scheint und wie eine Mischung der Vegetationen Sri Lankas, Balis und Neuseelands wirkt: Viele Palmen wie auf Sri Lanka, gedrungen und dicht wie auf Bali sowie farnreich wie in Neuseeland. Ferner besuche ich ‚To sua‘,  eine der berühmtesten Attraktionen Samoas, aber im Grunde nicht mehr als ein riesiges, von vulkanischer Aktivität geformtes Loch, dessen Grund mit kristallklarem Meerwasser gefüllt ist.
Der Swell direkt vor meiner Fale ist die Woche über eher bescheiden, aber ein benachbartes Surf-Resort nimmt mich mit zu einem Ausflug auf die andere Seite Upolus, wo mit ‚headhigh barrels‘ zu rechnen sein sollte. Bei diesem Ausflug lerne ich, dass ich Samoa unterschätzt habe und meine Bewertungen für Surfspots am oberen Ende ausdifferenzieren muss. Der Spot ist ganz anders als der, den ich vergangene Woche noch als den Olymp des Surfens darstellte, er ist aber ebenso atemberaubend: Kilometer entfernt vom nächsten Dorf brechen dort in einer kleinen Bucht mit einem Strand aus bunten Kieselsteinen, umgeben von steilen, dschungelbewachsenen Klippen gleich drei Wellen. Eine monströs schön mit überkopfhohen Barrels zu beiden Seiten, eine hohl und druckvoll an einem Point und die letzte etwas sanfter, aber immer noch mit der Chance auf Barrels an einer Flussmündung. Ich ziehe es nicht einmal in Erwägung, mich an den ersten beiden Wellen zu versuchen und hoffe auf die erste Barrel meines Lebens an der Flussmündung. Gut zehn Leute sitzen dort und hoffen dasselbe, für samoanische Verhältnisse und meine innere Rückgezogenheit ist der Spot also heillos überfüllt. Auf Bali wäre es immer noch eine exklusive Session. Bali ist für mich aber schon lange her und an so viel Betrieb muss ich mich erst wieder gewöhnen. Und Betrieb liegt mir gerade ja nicht so. Ich erwische trotzdem einige schöne Wellen, aber die Barrels bleiben den anderen vorenthalten. Der Ausflug mit den Resort-Touristen führt mir zudem den Unterschied zu meinem Reisestil und meine derzeitige Gemütsverfassung überdeutlich vor Augen: Zwischen den frisch geduschten, hipp gekleideten, vergnügungshungrigen, überschwänglichen, mit dicken Kameras, Finbags und großen Bierreserven ausgerüsteten Surfern und mir tut sich eine Kluft auf. Ich bin froh als ich wieder in meiner Hängematte liege.
Nach vielen Wochen umgeben von vielen Menschen irritiert mich die derzeitige touristenfreie Exklusivität auf Samoa zwar, aber es setzt meinen Wunsch nach anderen noch weiter herab, weil es so einfach ist, für mich zu bleiben. Es sind mir noch nicht mal Deutsche begegnet. Ist mir recht. Ich habe mehr Lust auf die Hängematte und ein Buch als auf Bier und Smalltalk. Die Zeit vergeht trotzdem schnell und schon ist wieder eine Woche rum. Ich kann nur hoffen, dass sich zumindest auf der Ebene meines Unterbewusstseins einiges tut, das meine Ressourcen okkupiert, um Prozesse durchzuführen, die meinem Bewusstsein die Offenheit nehmen. Vielleicht wird meine Seele renoviert. Oder meine Emotionen getunt. Oder festgebrannte Erinnerungen weggekärchert. Oder alte Muster nachgezeichnet. Ich glaube, irgendwas arbeitet in mir, beschäftigt mich ohne mich darüber in Kenntnis gesetzt zu haben. In der Abteilung meines Gehirns, die für den Ausbau meiner Surffähigkeiten verantwortlich, scheint es durch diese Maßnahmen im Unterbewussten ebenfalls an Potential zu mangeln: Denn auch nach weiteren Surfsessions bleibt mir meine erste Barrel vorenthalten. Obwohl ich beim Surfen von hammervielen Barrels umgeben bin. Und gefühlt alle anderen dauernd in ihnen surfen. Der Stochastiker in mir weiß allerdings, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich aus Versehen in eine Barrel rein- und wieder rausrutsche. Und der Balancebeauftragte in mir weiß, dass wieder Zeiten anbrechen werden, in denen mir der Kontakt zu anderen Menschen Freude bereitet. 

Die Schönheit Samoas erschließt sich mir auch ohne die Hilfe anderer Menschen

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