Samoa ist ein Dorf (mit vielen Kirchen)

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 17

Als ich neulich auf der Cross Island Road Richtung Apia laufe hält ein Auto neben mir an. Nicht ungewöhnlich, denn es ist schon öfter vorgekommen, dass mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wurde,  ohne dass ich mich zuvor per entsprechendem Handzeichen als Anhalter ausgewiesen habe. Ein wenig überraschend in dem Moment: Ich kenne die Leute im Auto, ich habe sie vergangene Woche in den Beach Fales kennengelernt. Als ich kurz drüber nachdenke fällt mir auf, dass dieses Treffen eigentlich nicht überraschend ist. Dauernd treffe ich irgendwo auf Leute, die ich irgendwo anders kennengelernt habe. Oder auf Leute, die Leute kennen, die ich kenne. Das eigentlich Überraschende ist, dass ich regelmäßig auf Bekannte stoße, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe, so wenig Menschen wie möglich kennenzulernen und ja keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Wie muss es erst für diejenigen sein, die schon länger auf Samoa leben?
Unter authentischen Bedingungen versuche ich gerade, dieses Gefühl zu ergründen, ‚going native‘ würde der Ethnologe dazu sagen. Ich habe die Phase der Isolation hinter mir gelassen und bin bei einer samoanischen Familie untergekommen. Die Einladung dazu habe ich bereits zu Beginn meines Aufenthaltes auf Samoa beim Trampen erhalten und nun bin ich ihr gefolgt.
Eine Woche habe ich jetzt mit Badi – einem jungen Samoaner – und seiner Familie verbracht. Sie besteht aus Vater, Mutter, drei Geschwistern und allen möglichen Verwandten und Bekannten, die kommen und gehen, ohne dass sich für mich Gründe oder ein System erkennen lassen – ‚extended Family‘ wird es hier genannt, für die Samoaner eine äußerst wichtige Institution. Für sich selbst Geld sparen und ein halbes Jahr um die Welt reisen ist hier undenkbar, dazu verlangt die Familie zeitlich und auch finanziell zu viel Einsatz.
Dafür ist vor Ort immer was los. Jeden Abend kommen genug Leute für Volleyball- oder Rugbypartien zusammen, Dinner ist zumeist eine heitere und gesellige Angelegenheit und wenn man mal Hilfe braucht, ist meistens jemand vorhanden, der helfen kann. Ich selbst bin auch schon in den Genuss gekommen, denn ein Nachbar der Familie hat mich zum Surfen mitgenommen. An einem Abend wurden im Kreise der Nachbarn Sterne für einen guten Zweck gefaltet und außerdem gab es eine Abschiedsfeier für einige Angehörige der Bahai-Gemeinde vor Ort.
Wie für alle praktisch alle Samoaner spielt die Religion auch in Badis Familie eine große Rolle. Auf Samoa gibt es eine exorbitant hohe Dichte an verschiedenen christlichen Kirchen – von Methodisten über Adventisten bis zu hin zu Kirchen mit kurios-kitschigen Namen wie ‚The Shrine of the Three Hearts‘ insgesamt über 20 verschiedenen Spielarten des christlichen Glauben -, was beim Trampen zu unlösbaren Differenzen führen kann. Einmal wurde ich gefragt, ob ich an Gott glaube. Ich antwortete so diplomatisch wie möglich, dass ich mir da nicht so sicher sei. Das konnte der Mann nicht verstehen. Ich müsse an Gott glauben! Warum?, frage ich. Weil Gott uns alle erschaffen habe und weil er uns den Atem gäbe und weil er über mich wache. Der Mann fährt große Geschütze auf, ich zeige mich unbeeindruckt. Der Mann fährt fort und erwähnt, dass ich an Gott glauben muss, weil dieser sagt, man solle seinen nächsten lieben und das sei schließlich auch der Grund, warum er mich armen Anhalter mitgenommen habe. Treffer. Ich gebe mich nicht geschlagen und frage, ob man seinen nächsten nicht auch einfach so ohne Anweisung von oben lieben kann. Der Mann scheint nicht zu verstehen, aber es kommt auch nichts neues mehr aus der dogmatischen Abteilung.
Badis Familie gehört zu einer der wenigen nicht-christlichen Gemeinden auf Samoa: zur Religion der Bahai Faith. Die Grundidee ist simpel und birgt Potential: Es gibt nur einen Gott und die verschiedenen Religionen basieren auf verschiedenen Manifestationen dieses einen Gottes. Die Bahai würden die Religionen unter ihrem Dach gerne einen. Spannender Ansatz. Es gibt keine Priester – alle sind gleich – und bei den Gottesdiensten lesen zufällig ausgesuchte Mitglieder der Gemeinde heilige Texte vor, die aus Bibel, Koran und so stammen. Ein ebenfalls spannender Ansatz.
Die Bahai erklären ihre Religion gerne und erzählen mir auch immer fleißig, dass ich deren Tempel in Frankfurt besuchen soll, ansonsten halten sie sich missionarisch aber zurück und trumpfen durch ihre praktizierte Nächstenliebe auf. In einem alten Schulgebäude richtet man mir mein Zimmer ein, ich werde großzügig mit Essen versorgt und kann tun und lassen, was ich will. Die Familie freut sich, wenn ich mich zu ihnen geselle, ist aber genauso zufrieden, wenn ich für mich bleibe. „It’s up to you!“, ist das Motto der samoanischen Gastfreundschaft. Ich fühle mich wohl, lerne Nachbarn, Freunde und Bekannte kennen, rutsche mit Badis Bruder, dessen Frau und einem fijianischen Freund Wasserfälle runter, koche für die Familie, bringe Dessert mit, ansonsten treibe ich mich tagsüber in Apia und der näheren Umgebung herum, es regnet viel, ich lese, besuche Cafés, das Robert-Louis-Stevenson-Museum und das ‚Cultural Village‘, wo dem gemeinen Touristen traditionelle samoanische Kulturtechniken gezeigt und erklärt werden. Besonders fasziniert haben mich die traditionellen Tattoos, die sich durch einzigartige Symbolik und feine Muster auszeichnen. Die tintengetränkten Nadeln sind zwar mittlerweile aus Stahl und nicht mehr aus Knochen, aber sie werden immer noch durch Bambusstockschläge unter die Haut getrieben.
Bei der Abschiedsfeier in der Bahai-Gemeinde lerne ich zudem die traditionellen Tänze kennen, die Stärke, Kampfkunst und Anmut der Samoaner_innen unterstreichen. Die Bewohner dieses kleinen Inselstaats sind generell mit einem großen Selbstbewusstsein gesegnet und nutzen jede Gelegenheit, um sich gegenüber ihren polynesischen Nachbarstaaten zu profilieren; wenn ein Samoaner jedoch einen Witz erzählt, ist der Dumme immer ein Samoaner – höchst sympathisch!
Die Familie hat es mir leicht gemacht, den Weg zurück unter Menschen zu finden und von mir aus kann es auch so weitergehen. Ich habe meine bescheidenen Smalltalk-Fertigkeiten entstaubt, den Blick gehoben und meine letzten Tage auf Samoa von Badis Mutter planen lassen. Kann nur gut werden! Selbst wenn mir ab sofort noch öfter Bekannte über den Weg laufen. 

Im Kreise der ‚extended family‘ macht die Rutschpartie gleich viel mehr Spaß!

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