Tage voller Abenteuer 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 18

‚Savai’i – The real Samoa‘, so wird der Besuch der Nicht-Hauptinsel Samoas beworben. Was mich dort bei meinem geplanten Scooter-Ausflug erwartet?, frage ich meine samoanische Familie beim Dinner. Die Antwort ist vielversprechend: Mich werden Hunde jagen, ich solle aufpassen, dass ich keine der zahlreichen frei lebenden Schweine überfahre und mich schon mal auf das äußerst gemächliche Lebenstempo einstellen. Auf Savai’i scheint die Zeit also stehen geblieben zu sein. Und tatächlich ist alles ein bisschen anders als auf Upolu, der Hauptinsel Samoas, ein bisschen abenteuerlicher: Die Fährfahrt ist rustikal, man sitzt auf den Kisten der Rettungswesten und das kleine Schiff wird von der Dünung ordentlich geschaukelt. Es begegnen mir nicht viele Menschen, aber diejenigen, die ich sehe, tragen zumeist eine Machete und heben diese zum Gruß, wenn ich vorbeifahre. Die Schweine, die zuhauf neben den Straßen im Gebüsch leben sind unberechenbar und der ein oder andere Hund jagd mich tatächlich. Tagsüber bewirtschaften die Savai’ianer ihre Plantagen und die Dörfer sind menschenleer, es ist beinahe beklemmend durch diese geisterhaften Kulissen zu fahren. Mit meinem gemieteten Roller erklimme ich zudem einen abenteuerlichen Feldweg durch Taro- und Palmplantagen zum Krater eines Vulkans, der vor gut hundert Jahren mit gewaltigem Getöse explodierte. Jetzt bietet der Talkessel wunderbare Akkustik für die Symphonie der Singvögel – ein faszinierender Ort.
Das Wetter zeigt sich kapriziös und immer wieder rücken mir Gewitterfronten auf die Pelle. Ganz zu schweigen von den ständigen Tropenschauern. Spaß macht es nicht immer, aber einen gewissen rauhen Charme bringt der Ausflug nach Savai’i mit sich. Glücklicherweise entdecke ich eine großartige Unterkunft – wieder Beach Fales, wieder bin ich der einzige Gast -, wo ich mit offenen Armen empfangen und mit bergeweise Essen versorgt werde. Nachts lausche ich dem Regen auf dem Dach aus Palmblättern und dem Donnergrollen und bin furchtbar zufrieden.
Nach zwei Tagen kehre ich zu meiner samoanischen Familie zurück und werde herzlich ausgelacht als ich klitschnass und durchgefroren nach einem heftigen Gewitterschauer in der Tür stehe. Ich lache mit – aus Erleichterung -, denn ich bin heilfroh, nicht vom Blitz getroffen worden zu sein. Ich beziehe kurzzeitig mein altes Quartier und bereite mich auf die Weiterreise vor. Der Abschied fällt mir erstaunlich leicht, habe ich die Familie doch sehr in Herz geschlossen. Aber es gibt auf Samoa nicht mehr viel für mich zu tun, die Möglichkeiten sind immer noch begrenzt und ich muss gestehen, dass die Regenzeit beginnt, mich gewaltig zu nerven. Alles was nass wird, trocknet unglaublich langsam, mein Portemonnaie, Reisepass und meine Regenjacke fangen schon an zu schimmeln und dauernd muss ich Schauer abwarten oder gleich mein angedachtes Programm absagen.
Am letzten Tag das letzte Abenteuer auf Samoa: Aus Prinzip will ich den Weg zum Flughafen zumindest teilweise trampen und ich begebe mich in Richtung Straße. Auf halbem Weg sehe ich einen Pick-Up in Richtung Apia fahren, alles andere wäre für meine Boardbag auch wenig geeignet. Der Pick-Up hält tatsächlich an und ich kann direkt einsteigen. Sauber. Das ging schnell. Am Steuer ist eine Nachbarin, die ich von den Aktivitäten in der Gemeinde schon kenne und die zufälligerweise in die Nähe des Busbahnhofs unterwegs ist. Passt mir gut. Als ich dort ankomme kommt zufälligerweise gerade der Bus zum Flughafen. Ein Samoaner hilft mir, die Boardbag in den Bus zu quetschen, eine junge Samoanerin setzt sich auf den Schoß einer Freundin, um mir Platz zu machen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Aber dann scheint sich das Blatt zu wenden.
Immer mehr Leute steigen ein, denn auf Samoa wird niemand stehen gelassen. Das Prinzip, das mir als Anhalter hier schon so oft weitergeholfen hat, wird mir jetzt zum Verhängnis, denn die Leute treten gegen, trampeln und stehen auf meiner Boardbag. Es gibt nirgendwo mehr Platz außer auf meiner Boardbag und der Busfahrer drängt die Leute unerbittlich zusammen, um alle Reisenden mitnehmen zu können. Ich gewöhne mich schon mal an den Gedanken, dass mein Brett gebrochen und Sonnencreme sowie Anti-Mücken-Spray meine Klamotten imprägnieren. Aber: Es bleibt alles intakt. Ich kann es kaum fassen. Heilloses Glück. Noch mehr Glück kurz darauf: Ich kann meine Boardbag umsonst mitnehmen, obwohl Fiji Airways eigentlich durchaus hohe Gebühren erhebt. Ist Glück endlich? Mein Schicksal war an diesem Tag in verschwenderischer Laune. Muss ich jetzt Karma-Punkte sammeln, die ich gegen neues Glück eintauschen kann? Ich nehme es mir vor.
Für meine weitere Reise kann das nur helfen. Es geht nach Hawai’i. Genauer: nach Kauai. Und um es einfach mal gemacht zu haben, habe ich nichts geplant. Ich weiß nur, dass Kauai ‚Garden Island‘ genannt wird, dass es den regenreichsten Ort der Welt beheimatet, dass Hanf dort extrem gut wachsen soll und dass nicht ganz so viel los ist wie auf Maui oder Ouahu. Abgesehen davon weiß ich noch,  dass ich morgens in Lihue landen werde. Mit einem Flugzeug. Dann werde ich damit beginnen, das Bild meines dortigen Aufenthalts auf einem weißen Stück Papier zu malen. 

Der Weg zum Krater ist nicht nur abenteuerlich sondern auch wunderschön!

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