Das Glück ist mit den Tüchtigen 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 20

Ich bin seit zwei Wochen auf Hawaii, war noch nicht einmal surfen, bin aber trotzdem glücklich. Und zwar gleich im multiplen Sinne:
Zuallererst bin ich glücklich im Sinne von sehr zufrieden. Mein Leben ist derzeit zwar ein wenig arm an Abwechslung und Action, aber ich bin auf Hawaii (!) und die Arbeit im Restaurant macht mehr und mehr Freude, je mehr ich lerne und ohne die Hilfe der Köche zurechtkomme. Auf der Prep-Liste steht Wasabi, Ranch, Hummus, Stirfry, Coleslaw dry, Burger #2, Chicken 2 goz, prep pig, portion angel’s hair und Chopped Potatoes 2 total? Kein Problem, ich weiß, was zu tun ist. Und bei etwaigen Fragen helfen die Kollegen gerne. Wenn ich zum Beispiel Hoison Sauce suche. Oder Zip Bags. Oder gebündelten Koriander. Oder 8qts Cambros. Oder Sundried Tomatoes. Oder wissen möchte, ob man sich bei der Zubereitung des Pestos ans Rezept halten soll. Alle sind freundlich und entgegenkommend zu mir, beinahe als hätte ich eine Art Narrenfreiheit, weil ich meinen Job anscheinend so gut mache (oder weil ich der einzige Tourist im Team bin). Ich persönlich glaube, dass ich maßlos überschätzt werde, aber ich weiß nicht warum. Ein irritierendes, aber gutes Gefühl. Die Betriebsamkeit in der Küche zieht mich mit, die Zeit verfliegt, ich schaffe was, mache Pause, esse mein tägliches Gratis-Essen – zum Beispiel den mediterranen Wrap mit dem von mir zubereiteten Hummus und den von mir gewürfelten Gurken – und dann ist schon fast wieder Feierabend, ich erhalte mein Gehalt und darf ’nach Hause‘ gehen.
Mein Zuhause ist mittlerweile nicht mehr die 186-PS-Schleuder von Nissan, sondern ein Mini-Van, der in Europa mindestens als Kleinbus bezeichnet werden würde. Das Ding parke ich an einem ruhigen Ort nah am Wasser, lasse den Tag ausklingen und lege mich hin. Je nachdem wie viel Zeit ich am nächsten Vormittag habe, gehe ich baden, laufen, ins Café oder erkunde ein wenig die Insel. So lässt es sich aushalten. Ich fühle mich frei, lebendig und eben glücklich. Diese Freiheit währte eine knappe Woche bevor ich – wie es das Glück so will – über einen Kollegen einen weiteren Job fand, der sich gut mit dem anderen vereinbaren lässt.
Und hier kommt der zweite Aspekt von Glück ins Spiel: Ich bin glücklich in dem Sinne, dass ich Glück habe. Das Schicksal scheint mich mal wieder zu den richtigen Orten geführt zu haben. Das Gustav-Gans-Prinzip funktioniert auf Kauai hammermäßig. Ein bisschen Einsatz meinerseits, viel Vertrauen in die sogenannten glücklichen Zufälle des Lebens und ‚the pieces fall into place‘: Zwei Deutsche bringen mich nach Kapaa, wo ich eine Amerikanerin kennenlerne, die mir hilft, einen Job in einem Restaurant zu finden, wo eine Mangel an Leuten besteht, die Essen vorbereiten, den ich zufälligerweise ausreichend gut ausfüllen kann, sodass alle spürbar weniger Stress haben und ich einen fordernden Job. Einer meiner neuen Kollege empfiehlt mir ein kleines, lokales Car-Rental-Unternehmen eines Freundes, wo ich zu einem für hawaiianische Verhältnisse mehr als vernünftigen Preis den Van miete. Ein anderer Kollege fragt, ob ich nicht vielleicht einen Zweitjob brauche et voilà. Die Tage sind gefüllt, die Pleite verhindert, mir geht’s gut und der Aufenthalt auf Hawaii ist grob geplant.
Mein Zweitjob besteht darin, dass ich dabei helfe, für eine Art Investor Häuser wieder schick zu machen, damit er sie gewinnbringend verkaufen kann. Das bedeutet putzen, streichen, aufräumen und so. Auch dort wird meine Hilfe geschätzt und ich kann kommen und gehen wie ich will. Ich arbeite mit zwei Jungs in meinem Alter zusammen, beide krasse Kiffer und dementsprechend entspannt gestaltet sich die Arbeit – schöner Kontrast zur Hektik in der Küche. Irgendwie kurios: Drei junge Männer in Shorts, Tanktops und Vollbart, alle ohne festen Wohnsitz, laufen barfuß und ein wenig desorientiert mit Putzlappen und Bürste umher, putzen drauflos und quatschen über Gott und die Welt. Von der besonderen Energie Kauais zum Beispiel. Oder über die Chicks von der Party letztens. Zwischendurch ziehen meine Kollegen am Pfeifchen, singen und spielen Ukulele. Dann wird weitergeputzt. Gaaaaanz entspannt. Mittags wechsle ich die Arbeitsstelle und reiße meine Schicht im Restaurant ab. Auf diese Weise habe ich in dieser Woche 56 Stunden gearbeitet. Und die kommende wird ähnlich. Aber mit einem großen Unterschied: Ein weiterer glücklicher Umstand führte dazu, dass ich in den nächsten Tagen in dem Haus eines wiederum anderen Kollegen wohnen darf, ich habe also eine ’solide‘ Bleibe. Mit warmer Dusche, Küche, WLAN und einem richtigen Bett. Im Gegenzug soll ich seine Hühner füttern. Guter Deal. Nach zwei Wochen Hawaii habe ich Haus, Auto und zwei Jobs, läuft. Das Glück ist mit den Tüchtigen.
Ein dritter Aspekt des Glücks vervollkommnet meine derzeitige Glückseligkeit: die Aussicht auf das, was kommt. Noch eine Woche Arbeit, die ich zu schätzen weiß und wo ich geschätzt werde, dann steige ich aus. Ich sollte dann genug Geld verdient haben, um jeweils für fünf Tage Kauai und Ouahu zu erkunden und den letzten Stopp meiner Reise – das Beste kommt zum Schluss – ohne allzu große finanzielle Sorgen genießen zu können.
All das Glück und die ‚Zufälle‘, die mir widerfahren sind, hängen mit der besonderen Energie Kauais zusammen. Das sagt man mir jedenfalls. Kauai ist die älteste Insel Hawaiis und die Spitze eines der höchsten Gebirge der Welt – vom Meeresgrund gemessen. Hier hat Mutter Erde anscheinend Besonderes vor. Mit sich und den dort lebenden Menschen. Wünsche sollen sich hier besonders schnell manifestieren, was erklären würde, dass ich so viel ‚Glück‘ hatte. Die potentiell wunscherfüllende Energie soll sich aber auch gegen einen richten können. Das würde erklären, warum mir hier so viele ‚weird people‘ begegnen, also Leute mit höchst alternativen Lebensstilen und Geisteszuständen. Ich möchte gerne mehr darüber erfahren. Aber auch nicht zu lange bleiben, um die gute Energie nicht überzustrapazieren. Mein Weiterflug ist bereits gebucht und ich bin zuversichtlich, dass das Glück bis dahin anhält. Ich wünsche es mir einfach und vertraue Kauai und meinem Schicksal! 

Die ‚prep-list‘, an der ich mich jeden Tag zu messen habe

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