Schichtdienst auf Hawaii 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 21

In der vergangenen Woche habe ich 72 Stunden gearbeitet. Etwas mehr als in den Wochen davor. Insgesamt habe ich gut 1900 Dollar in knapp drei Wochen verdient. Krass wie ich finde. Und ungefähr genauso viel wird mich der Aufenthalt auf Hawaii kosten. Auch ganz schön krass wie ich finde. Jedenfalls, wenn man bedenkt, dass ich einen eher bescheidenen Lebensstil gepflegt habe. Nunja. Geld kommt und geht. Und so lange so viel kommt wie geht, kann’s erstmal weitergehen – und das ist auch der Plan.
Während der vielen Stunden, die ich arbeitend verbrachte, habe ich mich an ein Gespräch erinnert, dass ich einst mit Mel in Neuseeland führte. Es ging um Lebensführung, Jobs und um’s Glücklichsein. Ich habe damals behauptet, mich mit jedem Job arrangieren zu können, indem ich zum einen Einsatz zeige, besser werde, das Arbeitssytem verstehen und zu verbessern lerne oder zum anderen das Arbeiten einfach durch gewisse Annehmlichkeiten zu versüßen versuche. Mel glaubte mir das nicht und nannte eine Reihe von Berufen, bei denen sie sich nicht vorstellen konnte, dass man Gefallen an ihnen finden kann. Im Gegenzug habe ich versucht, mir und ihr auszumalen, wie ich mich mit den von ihr genannten Tätigkeiten anfreunden würde. Was damals bloße Gedankenspielerei war, hat sich mittlerweile als – zumindest temporär – tragfähig erwiesen. Meine Jobs auf Hawaii – Tellerwäscher/ Gemüseschnippler und Hausputzer – gehören sicher nicht in die Kategorie ‚Traumjobs‘, aber ich habe mich gut mit ihnen arrangiert, indem ich beide von mir angeführten Taktiken angewendet habe. Im Restaurant habe ich jeden Tag versucht, etwas Neues zu lernen, meine Arbeitsabläufe effektiver zu gestalten und das System in der Küche zu verstehen, um meine Rolle besser ausfüllen zu können. Es hat mich beinahe mit kindlicher Freude erfüllt, wenn meine Pläne aufgingen. Sah beispielsweise folgendermaßen aus: Zu Schichtbeginn Hähnchenbrüste zum Filetieren und tiefgekühltes Obst für die ‚Yellow Salsa‘ zum Auftauen aus dem Gefrierraum holen. Während der Zeit, in der der Kram taut, alles wegarbeiten, was die Morgenschicht stehen gelassen hat und dann die Soßen zusammenmixen, die noch gekocht werden müssen bevor sie einsatzbereit sind. Zum Beispiel Marinara oder Tomatillo. Wenn die Saucen köcheln Gemüse und Obst schnippeln und irgendwann das Aufgetaute verarbeiten. Dann die gekochten und hoffentlich schon abgekühlten Saucen pürieren, umfüllen, wegpacken und versuchen, so viel wie noch möglich der Liste abzuarbeiten. Komplizierteren Kram wie Pesto oder Steak-Marinade zuerst. Auch Dinge, bei deren Zubereitung ich Hilfe brauche, versuchte ich vor dem ‚Dinner Rush‘ erledigt zu haben. Zuletzt schnelle Sachen wie Kartoffeln oder Gurken schneiden. Zwischendurch den Schweinehintern im Ofen checken. Und Butter schmelzen für den Boden der Ice Cream Pies. Es ist schön, alles im Griff zu haben, insbesondere, wenn im Rest des Ladens Hektik ausbricht, weil viele Bestellungen reinkommen. Um zehn Uhr abends hatte ich meistens viel erledigt und habe mir meinen Verdienst und einen Schulterklopfer abgeholt.
Aber auch durch kleine Annehmlichkeiten habe ich mir die Arbeit im Restaurant angenehmer gestaltet: Die Ice Cream Pies zum Beispiel habe ich stets erst dann gebaut, wenn ich mein ‚Complementary Meal‘ gegessen hatte, um ein wenig der vorzüglichen Ice Cream als Dessert zu naschen. Als ich irgendwann gelernt hatte, dass sich eine Riesenpackung Walnüsse stets in meiner Reichweite befindet, gab’s immer mal wieder einen gesunden Nuss-Snack für mich. Wie soll man auch sonst 12-Stunden-Tage durchhalten? Vielleicht mit den Gerichten, die irgendwelche Kunden unangerührt haben zurückkommen lassen? Oder mit Kaffee? Oder mit einem Freigetränk mit Kollegen nach Feierabend? Oder einer Meditation bei einer lauen Brise am Meer? Klingt schon fast nach Urlaub, oder? 
Den Job als Hausputzer konnte ich nur durch Annehmlichkeiten aufmöbeln, denn viel zu lernen oder an den Arbeitsabläufen zu verbessern gab’s nicht. Relativ schnell habe ich jedoch gemerkt wie entspannt es Jacob – der Kerl, der die Arbeit organisiert und mich bezahlt – in dem Haus tatächlich angehen lässt – jedenfalls solange der Investor nicht vor Ort ist. Arbeitsbeginn acht Uhr morgens. Grob über den Daumen gepeilt. Kaffee holen zählt als Arbeitszeit. Inoffiziell natürlich nur. Zwischendurch Videos schauen auch. Manchmal muss man aber auch Pause vom Rumhängen haben – dann wird gearbeitet. Aber nicht zu schnell. Und stets mit der Devise, Arbeit für morgen übrig zu lassen, denn wir wollen ja nicht arbeitslos werden. Unter diesen Umständen konnte ich mich sogar dazu motivieren, in der Pause zwischen meinen Schichten einige Male in einem Beachpark ein paar Liegestütze zu machen. In der Sonne. Und mit einem abschließenden Sprung ins Meer. Tiptop.
Je besser ich meine Kollegen kennenlernte, desto offener konnte ich auf sie zugehen, ein wenig über dieses und jenes reden, Späßchen machen. Insbesondere mit Jacob verstehe ich mich gut, er ist sowas wie ein Freund geworden. Ich habe wo einen guten Eindruck des Lebens- und Arbeitsgefühls auf Kauai gewinnen können. Aloha-Spirit nennen die das hier. Ich weiß noch nicht ganz genau, was das alles meint, aber es fühlt sich gut an. Es geht auf jeden Fall nicht nur um Hawaii-Hemden und Hang Loose. In den kommenden Tagen werde ich vielleicht mehr darüber lernen, denn ich habe meine Jobs ‚gekündigt‘, um ein paar Tage Zeit zu haben, Kauai und Ouahu zu erkunden und vielleicht ja sogar mal Wellen zu reiten. Auf Hawaii. Unglaublich! Fast schon beschämend, dass ich das bisher nicht geschafft habe. Aber manchmal hat das Schicksal – oder ‚Mother Kauai‘ anderes mit einem vor. 

Alltag in dieser Woche: Das Zuhause parkt nicht am Strand sondern auf dem Parkplatz des Restaurants

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