Verlängertes Wochenende auf Ouahu

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 23

Weltenwechsel: von der ländlichen Idylle Kauais auf das großstädtische Ouahu, wo es zwölfspurige Highways gibt. Aus meiner Welt mit Jobs, Freunden und Bekannten in eine Welt, in der ich niemanden kenne. Aus meiner Welt, in der ich wochenlang der einzige Tourist war, in eine Welt, die vor Urlaubern nur so strotzt. Statt absurd höhergelegten Trucks mit absurd großen Rädern und absurd muskulösen Pitbulls auf der Ladefläche dominieren domestizierte Autos das Straßenbild. Statt im Mini-Van lebe ich wieder in einer Prollschüssel. Statt mediterranen Wraps wieder ungetoastetes Toastbrot. Aber ich bin immer noch auf Hawaii, dem Sylt Amerikas.
Wenigstens eine andere Insel des Archipels wollte ich vor meiner Abreise gerne sehen und da mein Weiterflug von Honolulu aus startet, bot sich Ouahu an. Direkt nach meiner Ankunft stürzte ich mich ins Touristengetümmel und habe mehr oder weniger direkt in Honolulu eine kleine Wanderung unternommen. Zwischen Kohorten schwitzender Rentner, gesichtsmaskierter Japaner und Jungdynamischen in hippen Sportklamotten schob ich mich einen kleinen Krater hoch, von wo aus man einen guten Eindruck von dem gewinnen kann, was Ouahu auszeichnet: Große Siedlungsgebiete, die sich bis an die Hänge der steilen Felswände erstrecken, die überall nahe des Wassers emporragen. Die Strände sind zumeist mit sicherheitsumzäunten Grundstücken von den öffentlichen Wegen abgetrennt, aber zum Glück gibt es hier das ‚Public right of way to beach‘, sodass man immer irgendwie zum Strand kommt. Das Wetter zeigte sich weiterhin kapriziös und schwankte zwischen Sonnenschein ohne jegliche Bewölkung und sintflutartigen Niederschlägen, die zumeist mit schnellen Bewegungen der Luft einher gingen. Ich hatte mal wieder Glück und bin stets zur richtigen Zeit auf einen Berg gestiegen, spazieren, surfen oder laufen gegangen. Oder ich saß zur richtigen Zeit im Auto.
A propos Auto. Mein Mietwagen hatte großen Anteil daran, dass ich mich auf Ouahu unglaublich frei gefühlt habe. Obwohl es nie so ganz einfach mit der Freiheit ist. Hat man sie, so möchte man sie so gut es geht nutzen. Und dazu muss man dauernd irgendwelche Entscheidungen treffen. Früh aufstehen oder länger schlafen? Wandern oder surfen? Mit dem Buch ins Café oder an den Strand? Irgendwo bleiben oder noch ein bisschen weiterfahren? Das sind natürlich Luxusprobleme, nichtsdestotrotz ist es ärgerlich, wenn ich mich dazu entscheide, auf einen Berg zu klettern und dann von oben erkenne, dass die Wellen an dem Spot, an dem ich gerade vorbeigefahren bin, viel besser sind als sie von der Straße aus aussahen. Da muss man schon viel innere Ruhe mitbringen, um sich die Wanderung nicht von den Surfern 300 Meter weiter unten madig machen zu lassen . 

Manchmal ist die Qualität von Wellen erst mit mehr vertikaler Distanz zu erkennen

Irgendwie konnte mich aber nichts aus der Ruhe bringen – lag vielleicht an dem erhöhten Maß an Meditationen, das ich mir zum Runterkommen vom Arbeitslager auf Kauai verordnet habe – und so habe ich die Tage zu meiner vollen Zufriedenheit verbracht. Ouahu hat sich aber auch alle Mühe gegeben, mir was zu bieten: Einen Regenbogen während einer gesamten Surfsession, riesige Meeresschildkröten, die direkt vor mir im Wasser planschen, einen Wal, der genau dort vor der Küste aus dem Wasser springt, wo ich gerade zu Mittag esse (Linsensuppe aus der Dose und ungetoastetes Toastbrot), eine Wanderung, die ich abbreche, weil ich es auf dem schmalen Grat eines Bergrückens mit der Angst zu tun bekomme, beeindruckend schön anzusehende Wellen an einem der berühmtesten Surf Spots der Welt und einen 85-jährigen ehemaligen Linguistik-Professor, der mich an einem Food Truck angequatscht, mir nette Komplimente macht und aus seinem bewegten Leben erzählt.
Vor knapp fünf Wochen kam ich planlos auf Hawaii an. Knapp fünf Wochen später konstatiere ich, dass Planlosigkeit eine wunderbare Sache sein kann, wenn man seinem Glück eine Chance geben möchte. Für mich geht es jetzt weiter. Auf die Bahamas. Der Aufenthalt dort ist bereits zu deutlich größeren Teilen geplant als es alle meine anderen Stopps je waren. Das liegt daran, dass ich nicht mehr allein reisen werde. Meine Herzallerliebste holt mich ab. Wir verbringen ein paar Wochen auf der bahamesianischen Insel Eleuthera, arbeiten an unseren gesunden Bräunen sowie unseren Surffähigkeiten, holen fünf Monate verpasster Pärchenzeit nach und kehren pünktlich zum Beginn des Frühlings nach Deutschland zurück. Das haben wir gefickt eingeschädelt. Sagt man doch so?!
Trotz glänzender Aussichten erfüllt mich der Abschied von Hawaii mit gemischten Gefühlen. Es ist nicht nur der Abschied von einem Ort auf dieser Welt, den ich liebgewonnen habe und der mich herzlich und großzügig aufgenommen hat, sondern auch der Abschied von meiner Reisezeit alleine. Der Abschied von großer und andauernder Ungewissheit. Der Abschied vom Lotterleben. Ich hatte eine gute Zeit, um es ein wenig platt auszudrücken. Es wird bestimmt auch gut weitergehen. Aber die kommenden Wochen sind der erste Schritt zurück in die Normalität – wenn es sowas überhaupt gibt. Es ist die Rückkehr zu richtigen Betten, regelmäßigen Duschen, und getoastetem Toastbrot. Es ist die Rückkehr zu geliebten Menschen, die Rückkehr zu körperlicher Nähe und ‚richtigen‘ Unterhaltungen mit der Person, die mir am nächsten steht. Der Person, die fünf Monate ohne mich auf der anderen Seite des Planeten ausharren musste, weil ich meinte, um ebendiesen reisen zu müssen. Der Abschied von Hawaii ist also auch ein Stück weit der Abschied von meinem Ego-Trip. Ich kann nicht mehr tun und lassen, was ich wann will, weil ich es will. Und das ist auch gut so. Laut Jacob gibt es eine Realität und den besten Kontakt zu dieser hat unser Bauchgefühl. Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass es jetzt gut gewesen ist. Dass ich zurückkehren und an mein Leben anknüpfen möchte, dass ich in Deutschland in den Standby-Modus geschaltet habe. Der Übergang wird dank des Aufenthalts auf den Bahamas nicht zu krass werden. Ganz entspannt. Außerdem brauche ich auch noch ein bisschen Zeit, um mir zu überlegen, was ich meiner Krankenkasse sage, warum ich mein Studium nicht in der Regelstudienzeit abgeschlossen habe. 

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