#6 Joachim liest

von Joachim Pimmelberger

Lesetipp für denkende Reisende

Eine kurze Geschichte von fast allem – Bill Bryson 
Eignung: für Welt- und Urlaubsreisen sowie geistige Ausflüge
 
Wertung 4/5 Sternen

Hat das Leben einen Sinn? Oder ist es dem Leben genug, überhaupt zu existieren? Warum nehmen so viele Atome die Mühe auf sich, uns zu unserem Körper zu verhelfen? Wie kann aus Milliarden von unbelebten Teilchen ein lebender Organismus werden? Und außerdem: Was könnten wir Menschen gegen einen nahenden Asteroiden-Einschlag unternehmen? Bill Bryson erzählt in seinem Buch ‚Eine kurze Geschichte von fast allem‘ nicht nur jede Menge über Naturwissenschaften wie zum Beispiel Astronomie, Geologie oder Biologie, er stellt sich und anderen auch teilweise philosophische Fragen, die die Gefragten und die Leser nicht auf Anhieb beantworten können. Oder auch gar nicht beantworten sollen. Die aber absolut bedenkenswert sind!
Schon lange hatte ich mir vorgenommen, dieses Werk zu lesen, aber zum einen fehlte mir das Buch im Regal und zum anderen Zeit und Muße, es zu lesen. Eine lange Reise sollte letzteres Problem beheben und glücklicherweise überließ mir eine Freundin ihr Exemplar des Buchs, was die Lücke im Bücherregal schloss. Seit fünf Monaten begleitet mich das Buch nun um die Welt, ich las es im Zug, im Flugzeug, am Meer, im Wald, im Auto. Es hat mich gelehrt, erstaunt und nachdenklich gemacht.
Mit faszinierend kindlicher Neugier und Naivität nähert Bryson sich den über lange Zeit aufgeworfenen Wissenbeständen der Naturwissenschaften, versucht, sie verständlich zu beschreiben, erklärt, wie das zu Stande kam, was wir ‚Allgemeinwissen‘ nennen und er zeigt auf, was wir alles noch nicht wissen oder welche Zweifel bestehen. Dabei geht er stets über das hinaus, was in Schul- und Lehrbüchern vermittelt wird. Nicht unbedingt, was Komplexität und Tiefgang in die Materie angeht, sondern insbesondere, wenn es um das Menschliche hinter den vermeintlich so furchtbar objektiven Wissenschaften geht. Es wird deutlich, dass Wissenschaftler oft viel mehr von Eitelkeit, Rivalität, Vorurteilen und Gier als dem Wunsch nach reiner und rationaler Wissenschaft getrieben werden. Über die Länge des Buchs wird zudem ersichtlich, dass das, was wir heutzutage wie selbstverständlich als ‚wahr‘ betrachten, letztendlich nur eine Theorie unter vielen anderen darstellt, die gerade einfach nur am meisten Anerkennung findet und dass sich Paradigmen – die Perspektiven auf die Welt – und damit auch die ‚Wahrheit‘ in den vergangenen Jahrhunderten schon allzu oft verändert haben. Besonders hervorzuheben ist außerdem die Tatsache, dass mit jeder selbstgestellten Frage, die sich die Wissenschaft beantwortet, mindestens eine neue Frage aufgeworfen wird. Und dass damit zugleich anderes Wissen als nicht mehr geltend ausgelöscht wird. Wissenschaft schafft also genauso viel Wissen wie sie Wissen vernichtet und Verwirrung stiftet.
Wozu Wissenschaft tatächlich da ist, wäre aus meiner Sicht eine Frage, die man ruhig mal stellen darf. Wissenschaftler erforschen Vulkane, wissen aber nicht, warum sie ausbrechen. Sie erforschen die Meere, haben aber noch nie einen lebenden Riesenkraken gesehen. Sie sammeln Pflanzen und Tiere, haben aber kein taugliches Klassifikationsinstrument, um das Gesammelte zu systematisieren. Sie versuchen, die zwei Seiten der Physik zu vereinen und verlieren sich dabei in immer unverständlicher werdenden Theorien. Sie erfinden bleihaltiges Benzin, brauchen aber ewig, um die Menschen davon zu überzeugen, dass dessen positive Eigenschaften – vor allem kommerzieller Natur – die gesundheitsschädlichen Wirkungen nicht aufwiegen und sie brauchen Jahrzehnte, um im 19. Jahrhundert falsch klassifizierte Moose und Flechten ‚richtig‘ einzuordnen – höchstwahrscheinlich macht das dann in 200 Jahren ein anderer Wissenschaftler erneut, weil sich Menschen in 200 Jahren für wesentlich klüger halten als heutzutage, denn die Wissenschaft wird 200 Jahre mehr Zeit gehabt haben, tolle Sachen herauszufinden, das Leben der Menschen zu verbessern und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Bryson selbst schreibt in seinem Buch relativ wenig über solchen wissenschaftstheoretischen Kram, aber es schwingt stets sehr deutlich zwischen den Zeilen mit. Er bleibt meist auf der Ebene der Wissenschaft und beschäftigt sich mit deren Errungenschaften. Ihren herausragenden Vertretern. Und zukünftigen Herausforderungen. Er startet mit einer Einführung in unser Universum und wie es entstanden sein könnte. Danach springt er ins 18. Jahrhundert, berichtet über den aufkeimenden Wunsch der Menschen, die Erde verstehen zu wollen und die Unternehmungen zu diesem Zweck. Er widmet ein Kapitel den Gefahren, die uns Menschen von innen und außen drohen und um zu beschreiben, wie wenig wir Menschen in der Lage sind, diesen Gefahren zu trotzen. Des weiteren geht es um das Wetter, um Bakterien, Fossilien, Zellen, Genetik, Darwin und unsere Vorfahren. Hin und wieder verliert Bryson den roten Faden aus den Augen, hin und wieder verwundert mich der thematische Aufbau des Buches und es geht auch nicht einmal ansatzweise über ‚fast alles‘ wie es der Titel des Buches proklamiert – Sozialwissenschaften zum Beispiel werden nicht einmal erwähnt.
Beim Lesen der Kapitel des Buchs kann man nichtsdestotrotz viel lernen. Dass Aussterben Artenvielfalt begünstigt. Dass der Mensch keineswegs die Krone der Schöpfung sondern lediglich das Produkt vieler Zufälle ist. Dass sich das Universum glücklicherweise immer noch ausdehnt. Dass man mit einem Bleilot die Masse eines Berges berechnen kann. Dass wir gerade in einer Art Eiszeit leben oder wie die subatomare Ebene von Teilchen aufgebaut ist. Das stimmt natürlich nur solange bis irgendjemand das Gegenteil ‚beweist‘ oder eine bessere Erklärung eines Phänomens liefert.
Viel interessanter hingegen fand ich immer wieder die bereits erwähnte Meta-Ebene und die Kehrseite der Wissenschaft. Bryson wird nicht müde, darauf hinzuweisen, was Menschen nicht wissen und was zweifelhaft, unklar sowie streitbar ist. Er zeichnet ein Bild des Planeten und des uns umgebenden Universums, in dem wir viel kleiner sind als wir uns tagtäglich im Spiegel sehen. Wir wissen nicht, was der Sinn des Lebens ist. Wir wissen nicht, warum wir von haufenweise Atomen gebildet werden. Und einen nahenden Asteroiden-Einschlag können wir natürlich auch nicht verhindern. Aber immerhin können wir weiterhin versuchen, Antworten und Lösungen zu finden. Und zwar nicht nur sogenannte Wissenschaftler, sondern jeder. Denn genau das ist das Wunderbare an der Wissenschaft: Solange sie so defizitär wie bisher bleibt, solange sie noch nicht alles erklärt und bewiesen hat, solange kann jeder Mensch selbst nach Sinn und Antworten suchen und so ein klein wenig Wissen schaffen. 

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