Die Gedanken wandern heimwärts

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 25

Bekleidet mit Jacken, langen Hosen, Schals, Schuhen und Socken sitzen wir mit beinahe blauen Lippen an einem halbwegs windgeschützten Ort in der Sonne. Unsere Gastgeberin muss bei diesem Anblick lachen und schlägt vor, ein Foto zu machen, um den Daheimgebliebenen zu zeigen, wie sehr wir das gute Wetter auf den Bahamas genießen. Haha.
Die Woche begann mit gutem Wetter und guten Wellen, seit einigen Tagen aber bringt der Wind das Dach unserer Unterkunft sowie die gefühlte Temperatur zum Heulen und wir haben uns in unser Schneckenhaus zurückgezogen. In warme Klamotten. In lauschige Ecken. Ins Bett. Meine Liebste hat sich zudem einen fiesen kleinen Virus eingefangen, der jegliche verbleibende Ambitionen auf Unternehmungen erstickt hat. Nunja. Nach einem halben Jahr Gereise, in dem ich meinem Körper und meinem Geist einiges abverlangt habe, dürstet es mich nicht danach, die Insel und ihre angeblich traumhaften Strände zu erkunden.
Ich habe genug tolle Strände gesehen und den Enthusiasmus der Einheimischen für die Strände auf Eleuthera teile ich nicht. Sie sind schön – keine Frage -, aber es sind irgendwie einfach nur Strände. Wasser, Sand, eine Düne, ein paar Büsche. Mir fehlt das Spektakuläre. Klippen. Riesige Bäume oder Palmen. Korallenriffe. Und die Vegetation hier macht noch weniger her: Sie besteht im Wesentlichen aus kargen, gedrungenem Buschwerk und einigen Palmen. Dazwischen Mockingbirds, Boas sowie jede Menge Eidechsen und Geröll. Das war’s. Vorwürfe möchte ich Eleuthera keineswegs machen, aber dem paradiesischem Image, das die Bahamas genießen, wird die Realität nicht ganz gerecht.
So sitze ich auf der Veranda mit Meerblick in der Sonne (wenn sie denn von den Wolken freigegeben wird) und bin nicht sonderlich motiviert, irgendwas zu unternehmen – jedenfalls so lange keine schöne Welle vor der Tür bricht. Ich schlafe stets gut und lange, das Bett ist gemütlich, lange Frühstücken habe ich viel zu lange nicht mehr gemacht, mein Geist hat Lust zu lesen und so plätschern die Tage dahin. Nichtsdestotrotz stimmt was nicht, ich bin erneut auf der Suche nach meiner inneren Balance. Alles ist eigentlich gut, aber ich bin nicht ganz zufrieden und leicht reizbar.
Meine Liebste muss die Folgen dieser Stimmung ertragen nachdem sie so lange ohne mich und wir noch über eine Woche im Urlaub miteinander auskommen müssen. Unweigerlich folgt die Suche nach Erklärungen. Zu viele Umstellungen in zu kurzer Zeit, die gerade verarbeitet werden? Noch nicht bereit für das Ende der Reise? Unterdrücktes Heimweh? Sorge um die Zukunft nach der Rückkehr? Zu viel Nähe nach zu langer Trennung? Wir wissen es nicht. Ich weiß nur, dass ich ‚aus Versehen‘ immer mal wieder Pläne für die ersten Tage und Wochen in Deutschland schmiede. Wann wir in Nord- und Ostsee mit der heimischen Gang surfen gehen können. Was ich wann wo im Garten säen möchte. Und was dafür alles vorbereitet werden muss. Was ich für die Familie beim Wiedersehen kochen möchte. Wann ich mich Job und Uni-Bibliothek annähern möchte. Wie ich Bräune und Blondierung aufrechterhalten kann. Ganz schön spießig, aber die Gedanken erfreuen mich. Vermutlich reicht es langsam einfach. Reisen ist schön, aber mein zurückgelassenes Leben auch. Es wird wohl Zeit zurückzukehren. Die Vorhersage verspricht aber noch eine interessanten Surfwoche. Ein Glück, dass wir im ‚Surfer’s Haven‘ am ‚Surfer’s Beach‘ residieren. 

Wetter und Welle am Surfer’s Beach scheinen uns tatsächlich eine schöne letzte Woche bereiten zu wollen

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