Zwei Seiten einer Medaille 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 26

In den beiden vergangenen beiden Wochen habe ich mich viel beschwert. Über das Wetter, die Strände, die Vegetation, meine Stimmung, die Gegend, die hohen Preise und mangelnde Möglichkeiten. Natürlich stets gut begründet. Man kann das aber auch ganz anders sehen. Natürlich ebenfalls gut begründet. Drei Wochen haben wir auf Eleuthera verbracht und wir hatten eine wirklich schöne Zeit. In vielerlei Hinsicht:
Gleich nach unserer Ankunft haben wir den Einheimischen eine Chance gegeben, uns ihre Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen, denn wir hatten vor, zu unserer Unterkunft zu trampen. Wir waren noch gar nicht mal richtig bereit als ein Kleinbus eines Mobilfunkanbieters wendete, zu uns fuhr, die Scheibe runtergekurbelt wurde und wir gefragt wurden: „You guys need a ride?“ Boardbag und Koffer zwischen Werkzeug und Kabeln untergebracht und los ging’s. Wir wurden an einer strategisch günstigen Stelle zum Weitertrampen abgesetzt und hatten nicht mal Zeit für eine Zigarette als uns schon wieder jemand mitnehmen wollte. Man konnte die Rückbank des Autos jedoch nicht umklappen, meine Boardbag passte daher nicht ins Auto, wir waren erleichtert, denn wir hofften, endlich die bereits gedrehte Zigarette rauchen zu können. Denkste. Nur wenige Momente später hielt bereits das nächste Auto neben uns, um uns eine Mitfahrgelegenheit aufzudrängen. Dieses Mal passte das Gepäck ins Auto, wir hatten also keine Ausrede, ließen uns bis vor die Tür des Surfer’s Haven fahren und uns etwas über die Insel erzählen. Whoop whoop, guter Einstieg! Voller Vorfreude auf die kommenden Wochen und mit einem fantastischem ersten Eindruck der Menschen auf Eleuthera machten wir uns im Haven breit.
Es ließ sich gut aushalten, das Wetter war zumeist gut bis hervorragend – Wind sind wir Küstendeutschen ja gewohnt und ‚it keeps the bugs away‘ -, es wurden uns einige schöne Surftage beschert, dank Nancy und Peter sind wir auf der Insel herumgekommen, Trampen wurde mit der Zeit zur Gewohnheit, dabei haben wir viele interessante Begegnungen gehabt, im Haven ließ es sich bei Kaffee, Pancakes, Toast und frischer Seeluft hervorragend aushalten, wenn mal wieder nichts los war und auch unsere Kommunikation funktioniert wieder beinahe wie ‚damals‘.
Die Flora und Fauna mag nicht so spektakulär wie in anderen tropischen Ländern sein, aber viele der Pflanzen hier kenne ich als Zierpflanzen aus deutschen Wohnzimmern – außerdem sind die Blüten des ‚Bahamian Buttercup‘ ganz zauberhaft – und wenn man genau hinsieht, entdeckt man an Land süße Eidechsen, dusselige Skorpione sowie neugierige Tölpel und im Wasser bunte Rifffische, Schildkröten und sogar Stachelrochen. Die Strände wirken zwar auf den ersten Blick karg, aber das Wasser ist auch in Wirklichkeit so türkis wie in den Prospekten und der Sand besteht nicht aus zerkleinerten Steinen sondern aus zerkleinerten Muscheln und enthalten teilweise so viele rosafarbene Partikel, dass ganze Strände als ‚pink‘ bezeichnet werden. Um dieses Phänomen wahrnehmen zu können, muss man den Sand allerdings sehr eingehend untersuchen.
Meine Stimmung war zwar teilweise ein wenig gedämpft, aber das muss ich mir selbst anlasten. Schlechte Laune bedingt häufig Pessimismus, was zu den Beschwerden führen kann, die ich eingangs aufführte. Rückblickend würde ich aber sagen, dass alles gut und richtig war wie es war. Die Ruhe und Abgeschiedenheit gab mir die Chance, mit teilweise aufkommenden Schüben schlechter Laune umgehen zu müssen – ich konnte mich nicht einfach irgendwie ablenken – und so habe ich meine innere Mitte aus eigener Kraft wieder gefunden. Außer meiner Herzdame waren auch Nancy und Peter dabei sehr hilfreich. Die Ausflüge, Restaurantbesuche und Gespräche über Gott und die Welt – wortwörtlich, denn die beiden sind ganz amerikanisch ganz schön gottesfürchtig – mit den beiden haben unserem Reisealltag und unserer Stimmung gutgetan. Und zum ersten Mal seit langer Zeit wurde ich nach einer Pizza-Pyjama-Party im Ferienhaus der beiden vom Geruch frisch gebratenen Bacons geweckt. Obergeil!
Außerdem: Auf einer Insel, auf der Menschen leben, die zwischen zwei Surfsessions speerfischend Hummer erbeuten und mit dem Hummer auf dem Board zurück an Land surfen und dann auch noch abends in einer Bar Musik machen, kann es nicht so schlimm sein! Zudem gibt es dort deutlich überkopfhohe Wellen, die sich recht entspannt abreiten lassen. Und frisches Filet vom Barracuda. Und zumeist selbstgeschnitzte Pommes statt Tiefkühlkost. Keine Kriminalität. Stattdessen jede Menge freundliche, entspannte, hilfsbereite Menschen. Und Bahama Mamas.
Sechs Monate Sommer sind nun vorbei. Es war ein Sommer mit viel tropischem Regen, vielen neuen Erfahrungen, Höhen, Tiefen und Alltäglichkeit. Obwohl der Sommer für mich endet ist die Reise noch nicht vorbei. Vor der Rückkehr steht das finale Highlight an: Ein verlängerter Stopover in New York City. Von Eleuthera nach New York, krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Zwei Tage und zwei Nächte verbringen wir in der einzigen Stadt Amerikas, die mich wirklich reizt – genug Zeit, um ein wenig der Atmosphäre dieser krassen Metropole aufzusaugen und durch den Central Park sowie über die Brooklyn Bridge zu spazieren. Als allererstes muss ich mir dort aber Winterschuhe besorgen. Und Handschuhe. Könnte nämlich kalt werden. Erst Recht nach einem halben Jahr in kurzen Hosen und Tanktops in den Tropen. 

So scheiße sind die Bahamas gar nicht!

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