Auf den Sommer folgt der Frühling 

von Joachim Pimmelberger

Weltreise Woche 27

„Hmm, irgendwie… so… normal.“ Die Antwort meiner Herzdame auf die Frage nach ihrem ersten Eindruck New Yorks überrascht mich. Wir sitzen in einem kleinen französischen Café in der Nähe der Wall Street und tauen wieder auf nachdem wir über die Brooklyn Bridge spazierten. Die Überraschung ob ihrer Antwort weicht bald der Erkenntnis, dass sie wieder mal Recht hat. In Film und Fernsehen wirkt die Metropole mit ihrer Skyline tatsächlich gigantischer als an dem grauen Märzmorgen, an dem wir unseren 20-Kilometer-Spaziergang starten.
Je länger wir unterwegs sind desto mehr fasziniert die Stadt allerdings und sie schafft den Sprung ganz weit nach oben in der Liste meiner Lieblingsstädte. Nach einem halben Jahr an weltabgewandten oder südostasiatischen Orten überwältigt mich die schiere Menge an Menschen, die omnipräsente hohe Technik, die Mode, die Betriebsamkeit, die verschiedenen Viertel, die vielseitige Architektur, die Mischung an Menschen, die Auswahl an allem, die Effizienz und die Anhäufung geschichtsträchtiger sowie bedeutungsschwangerer Orte und Sehenswürdigkeiten. Kurz und knapp: In New York geht so einiges.
Beinahe hätten wir den Übergang in die letzte Episode der Weltreise aber verkackt: Am Morgen des Reisetages nach New York standen wir um 5 Uhr morgens in völliger Dunkelheit an der Straße und versuchten, die 20 verbleibenden Kilometer zum Flughafen auf Eleuthera zu trampen. Um 5 Uhr morgens geht auf Eleuthera aber so gut wie nichts. Alle zehn Minuten ein Auto, das uns nicht mitnahm. Um 6.30 Uhr sollten wir allerspätestens am Flughafen sein und erst um kurz vor sechs erbarmt sich der Fahrer eines Pick-Ups und nimmt uns ein großes Stück des Weges mit. Frierend sitzen wir im kalten Wind auf der Ladefläche, die Sonne machte sich zum Aufgang bereit und wir drückten uns selbst die Daumen, dass wir es rechtzeitig schaffen. Eigentlich wollten wir uns genau diesen Stress am frühen Morgen (und weitere Übernachtungs- sowie Taxikosten) ersparen und sind deswegen bereits am Vorabend des Reisetages zum Flughafen getrampt, was spitzenmäßig funktionierte. Am Flughafen auf Eleuthera darf man aber nicht die Nacht über rumhängen – was wir natürlich weder wussten noch wahrhaben wollten. Dem freundlichen Polizisten, der uns darüber in Kenntnis setzte, erläuterten wir unsere Motive für dieses dort anscheinend ungewöhnliche Ansinnen. Er hatte Verständnis, konnte und wollte uns allerdings nicht in Ruhe rumhängen lassen, weshalb er uns eine Gratisübernachtung in einem Hotel organisierte und uns mit seinem Jeep-Wrangler-Streifenwagen dorthin chauffierte.
Schön und gut, die Sache hatte aber einen Haken: Morgens um fünf mussten wir wieder an der Straße stehen und unsere Daumen gleichzeitig drücken und raushalten, um unser Glück bis zum letzten Tropfen auszuwringen. Mit Erfolg. Um kurz nach halb sieben stolpern wir in den Flughafen, der Rest der Reise verläuft dann reibungslos: Frühstück, Herumblödeln und Verabschiedung mit und von Nancy und Peter, Flug zum JFK und die Metrofahrt mit Boardbag nach Brooklyn, wo wir für zwei Nächte unterkommen. Kurz nach unserer Ankunft fängt es eisig zu regnen an und wir sind dankbar für die Ausrede, das Zimmer nicht mehr verlassen zu müssen.
Am nächsten Morgen sind wir dafür umso früher auf den Beinen, um so viel wie möglich von NYC zu sehen und einen umfassenden ersten Eindruck zu gewinnen. Von tippitoppi Hochhäusern mit Glasfronten neben alten Backsteinhäusern mit Graffitis. Von Flagship-Stores und Crap-Shops. Von Hotdog-Ständen und Diners. Vom bewegenden Memorial Park beim One World Trade Center. Von Touri-Horden und Ticketaufschwatzern. Von Shopping-Möglichkeiten und teuren Werbeflächen. Vom Central Park. Von Chinatown und Little Italy. Von Fahrradkurieren und dicken Limousinen. Wir durchmessen Manhatten mit gemütlichen Schritten, ich fühle mich wie Hansguckindieluft und versuche so gut es geht, Zusammenstöße und Stürze zu vermeiden, wir geben unser verbleibendes Geld aus und genießen genau wie die bleichen und wintergeplagten New Yorker das nach dem winterlichen Morgen aufkommende Frühlingswetter. In den vielen kleinen und großen Parks wachsen bereits Narzissen und Krokusse, die Bäume sind aber noch frei von jeglichem Grün.
Ganz anders Deutschland: Bei der Zugfahrt von Frankfurt gen Zuhause zeigt sich die Landschaft bereits deutlich ergrünt und die Sonne bringt mich zur Begrüßung in meinen New-York-tauglichen Klamotten (drei Schichten obenrum plus die neuen Winterschuhe untenrum) direkt zum Schwitzen. So habe ich mir das mit dem Auslassen des Winters vorgestellt. Auf den Sommer folgt der Frühling, eine meiner Lieblingsjahreszeiten. Um es mit Trumps Worten zu schreiben: Bing, Bing, Bing, tippitoppi! Von den bleichen und wintergeplagten Deutschen werde ich mir erzählen lassen, wie krass kalt, gräulich grau und schlimm schmutzig der Winter in Schland war. Und ich werde von meinem ‚Winter‘ berichten. Surfen statt Schnee schippen, Schwitzen statt frieren, draußen statt drinnen, kurze statt lange Unterhose, Ventilator statt Ofen, grün statt grau. Weitere Fotos und eventuell sogar ein Gesamtresumee folgen. Stay tuned!

Erwacht gerade aus dem Winterschlaf: New York

Advertisements